Rekorde und was die Menschheit noch braucht


Der Rekord

Jedweder, der nicht mit Erblindung
Geschlagen, weiß es als Chronist,
Dass Narrheit nicht erst die Erfindung
Der vielgescholtenen Neuzeit ist.
Und ob wir staunend drob erstarren -
Das lehrt uns just das Studium:
Zu Olims Zeiten gab’s schon Narren
Mal so – und wieder so herum.

Es wechseln freilich die Manieren,
Es wechselt freilich das Geschick -
Sich vor der Nachwelt zu blamieren
In Mode, Sprechkunst und Musik.
Da tröstet, überzeugt und bieder,
Der Glaube: dass in dieser Welt
Kommt neckend jede Narrheit wieder,
Die einmal schon die Menschheit prellt‘.

Doch hat in ernsten Schöpferstunden
Sich unsre Zeit – ob du’s errietst?
Ein Neues: den Rekord erfunden,
Mit dem sie nun die Menschheit trietzt;
Mit dem sie sportlich sich ergetzt;
Und auf dem Markt der Eitelkeiten
Die Narren durcheinander hetzt.

Ein jeder will sich heut ersiegen
In irgend etwas den Rekord.
Im Reiten, Rodeln oder Fliegen,
Im Karpfenfang, im Schnepfenmord.
Im Maske machen und Sich schminken,
Im Dichten und im Plagiat,
Im Punschbereiten, Schnäpse trinken,
In Polo, Tennis oder Skat.

Rekord im Golf auf grünem Rasen,
Rekord in Schulden und Gehalt.
Rekord im Okarina blasen,
In Mikosch-Witzen (neu und alt),
In Kälte oder Überheizung,
Im Mückenfang am stillen Ort,
In Halma,  Schach und Blinddarmreizung
Gleichviel in was – nur ein Rekord!

Ich schau die Leutchen rasend schwitzen
Und – dass die Welt ein Kränzlein flicht -
Sich hilflos um ein Nichts erhitzen,
Von dem schon morgen keiner spricht.
Und dies Gehetze von der Wiege
Bis hin zur Bahre – ohne Neid
Betracht ich lächelnd und ersiege
Mir – den Rekord der Wurschtigkeit!

Rudolf Presber