Gedicht über die Vernunft


Kopf und Schwanz

Es war einmal eine kluge Schlange,
Die wohnte an einem sonnigen Hange
Und schlüpfte unter einem Stein
Still und geschäftig aus und ein.
War aber immer wohlbedacht
Vor allen Feinden auf der Wacht.
Und lebte so in Sicherheit
Frei und zufrieden lange Zeit -
Bis sich einmal der Schwanz beschwerte,
Dass ihm der Kopf sein Recht verwehrte.
Er sprach: „Der Kopf ist sicherlich
Nichts Besseres und nicht mehr als ich.
Er kann nicht ohne mich bestehn
Und würde bald zugrunde gehen,
Wüst ich nicht feindliche Gewalten
Mit starkem Gestanke fernzuhalten.
Doch lässt er alle meine Macht
Und Würde schmählich außer acht:
Er lässt mich in den finstern Ecken
Und Winkeln unserer Wohnung stecken,
Derweil es ihm am Tor beliebt,
Zu sehn, was sich davor begibt.
Und wenn wir vor dem Tor spazieren,
Will er mir stets voranstolzieren
Und allezeit der Erste sein,
Ich zieh im Drecke hinterdrein.
Naht aber irgendwo Gefahr,
Da nimmt er seinen Vorteil wahr,
Dass er zuerst ins Loch gelange
Und ich zum Schluss die Schläge empfange.
Das leid ich nun nicht länger mehr;
Ich hab dasselbe Recht wie er:
Ich will nun auch einmal regieren,
Und er soll hinterdrein marschieren!“
Da sprach der Kopf: „Genosse Schwanz,
Das ist Geschwätz des Unverstands!
Von solchen Sachen rat ich ab.
Wenn Gott mir gute Augen gab,
Geschah es sicher, weil er wollte,
Dass ich die Vorhut führen sollte.
Denn wer nicht schon im voraus sieht,
Was kommt und unterwegs geschieht,
Dem wird es nicht so leicht gelingen,
Den Zug zum rechten Ziel zu bringen.“
Der Schwanz sprach: „Hast du nie gesehen,
Wie alle Krebse rückwärts gehen,
Wenn‘s gilt, das Leben vor Gefahren
Und Feinden weise zu bewahren?
Der Maulwurf und sogar die blinden
Und schwachen Regenwürmer finden
Im Finstern ihren Weg, und ich
Sollt ihn nicht finden ohne dich?
Nein, nein ... bisher gehorcht ich dir,
Von heute an gehorchst du mir!
Und merk dir, was heut jeder weiß:
Des Staates Stärke steckt im Steiß!“ -
Weil er auf seinem Sinn bestand,
Sich stets um Stein und Stauden wand,
Und nicht vom Flecke ging, ward schließlich
Der Kopf darüber doch verdrießlich
Und sprach zum Schwanz in Ungeduld:
„Mach was du willst! Es ist deine Schuld,
Bringt deine Unbesonnenheit
Uns beide noch in Not und Leid.
Bleib aber hier nicht länger liegen;
Sieh, wo wir was zu essen kriegen!“
Da lief der Schwanz in einem Trab
Den Steilen Hang ins Tal hinab.
Er stieß sich hart an manchen Stein,
Lief blind ins Dornengestrüpp hinein;
Doch wie er sich auch stieß und stach,
Er riss den Kopf gewaltsam nach
Und hatte seine Schadenfreude,
Geschah dem Kopfe was zuleide.
So sausten sie hinab ins Tal.
Drin ging ein Fahrweg eng und schmal:
Der Schwanz hofft ohne Schwierigkeiten
Geschwind darüber hinzugleiten.
Doch hemmten hier die rasche Reise,
Tief ausgefahrene Wagengleise,
Und ehe sich‘s der Schwanz versah,
Kam ihm ein Wagenrad so nah,
Dass vor der drohenden Gefahr
Die Rettung nicht mehr möglich war.
Das Rad, es rollte ... rollte quer
Mitten über den Leib daher!
Der Schwanz sprang auf und streckte sich,
Er ringelte und reckte sich,
Es war umsonst, er kam nicht los,
Der Schaden war zu schwer und groß.
Als alle Hoffnung schon entrann,
Rief er das Haupt um Hilfe an:
„Ach führ uns heim aus dieser Not,
Sonst ist es unser beider Tod!“
Da sprach der Kopf: „Mein lieber Schwanz,
Was nützt uns nun dein Ringeltanz?
Du hast auch mich so weit gebracht,
So wehr- und machtlos mich gemacht,
Ich kann nun auch nicht helfen mehr.“ -
Da kamen zwei Wagenknechte daher,
Die hieben Kopf und Schwanz und Rücken
Des Tieres vollends noch in Stücken ...

So geht es, wenn die dummen Stänker
Regieren statt der stummen Denker.


Georg Rollenhagen