Legende


Drollige Legende

In des Himmels Brutkanzleien
Tritt der Herr mit strenger Miene -
Reu und Furcht hebt durch die Reihen
Petri und der Paladine.
„Petre!“ spricht der Herr der Welten,
„Was geschieht im Kinderzwinger?
Lange hielt ich an, zu schelten,
Sah ich mehrmals durch die Finger!
Aber jetzig wird zu bunt mir
All dies Durcheinander schwirren,
Und die Menschen haben Grund schier,
Wenn sie staunen, klagen, irren!
Legtest du ins Wehebette
Doch der frommen Frau Pastorin
Die geborene Chansonnette
Und den Pastor der Doktorin!
Überaus genialen Vätern
Schiebst du Idioten unter,
Von missratenen Verrätern
Wird die Schar tagtäglich bunter!
Hast du hier nicht Kisten und Kästen
Wohlgereiht mit Zahl und Namen?
Sind doch selbst die Himmelswesen
Aus dem goldenen Schrank genommen,
Die Genies, die ich erlesen,
Hundert Jahr zu früh gekommen!!“ -
Petrus steht und kaut die Nägel,,
Denn er darf es nicht verraten:
Gabriel, der lange Flegel,
Hat die Schuld der Missetaten.
Bacchus lud, sein griechischer Vetter,
Ihn mit würdigen Patronen
Zum Ballett der niederen Götter
In leichtsinnige Himmelszonen.
Gabriel ward Kind-Kataster
So durch einige Äonen,  (Erdzeitalter)
Und mit Menschenschicksal rast er
Wie in Hütten so auf Thronen.
Immer Ähnlichkeiten ärmer
Werden Kinder ihrer Ahnen,
Tolle, Weise, Träumer, Schwärmer -
Und die Menschheit starrt von Wahnen!
Aber als besessene Dichter
Hoben zum Parnass die Hände,
Sah der Herr auf dies Gelichter,
Und er sprach: „Jetzt sei ein Ende!
Anders wird’s mit dieser Stunde -
Merke, Petre, was ich sage,
Schau hinab zum Erdengrunde -
Was geschieht an diesem Tage!“
Leiser rollt der Sterne Stärke,
Sanfter wehen die Donnergänge,
Stiller heiliger Gesänge -
Denn Gott selbst steht am Werke!
Hauptbuch wird da aufgeschlagen,
Name stimmt, Seit und Register,
Und man langt und bringt getragen
Einen kleinen Staatsminister. - -
„Nun, man soll sich nicht beklagen,
Dunkellockiges Erdensöhnchen,
Himmelssorgfalt wird dich tragen
Auf dein dir bestimmtes Thrönchen!“ -
Und Gott legt auf Sonnenstäbchen
Leise das Kind, das er begrüßt,
Hat noch selbst das Engelknäbchen
Zweimal auf die Stirn geküsst.
Hob ihn auf die Rutschbahnstiegen,
Die vom Himmel niederführen, -
Einen Schubs – und ließ ihn fliegen
Just vor Mutter Goethes Türen.

Und so wird, wenn Gottes Sorgen
Selber mal zu Rechten sehen,
Immer uns am Völkermorgen
Auch ein Genius entstehen!


Carl Ludwig Schleich