Tod


Die apokalyptischen Reiter

Wild braust der Sturm durch die Nacht einher,
Er peitscht der Lüfte wogendes Meer,
Die Wolken, sie eilen, sie jagen,
Und ächzend beugt sich der düstere Wald,
Und des Donners grollendes Rollen erschallt,
Vom Berge zum Berge getragen.

Was leuchtet vom Norden so feurige Glut?
Ein Glanz geht auf wie flüssiges Blut,
In Flammen lodert der Himmel,
Und plötzlich erdröhnt ringsum das Revier
Von Hussa-Rufen und Rossegewieher
Und eiligem Reitergetümmel.

Im Sausen über die Wipfel geht’s,
Und näher kommt es und näher stets,
Und breiter wächst es und breiter,
Die Luft durchschneidet‘s mit klingendem Ritt,
Und die Wolken nimmt es, die glühenden, mit -
Das sind die gespenstischen Reiter.

Sie satteln mit Sonnenuntergang,
Die Nacht ist kurz und der Weg ist lang:
Es gilt ein Ritt um die Erde!
Auf feurigsten Hengsten erheben sich drei,
Doch ist abseits noch ein vierter dabei
Auf fahlem, vermagertem Pferde.

Der erste reitet ein milchweiß Ross,
Es trägt die Krone und führt das Geschoß,
Und singt: „Ich spüre und schüre!
Ich bin die Liebe, ich bin der Hass,
Die Treu brech ich, als wär sie Glas,
Ich locke, reize, verführe.

Mein ist die Welt, ich habe das Gold,
Mir sind die Völker der Erde hold,
Sie lechzen nach wildem Genusse -
Der Goldreif gleißt und der Köcher klirrt,
Wenn der fliegende Pfeil dem Bogen entschwirrt,
Ich treffe mit sicherem Schusse.“ -

Rot ist des andern Gewaltigen Pferd,
Er holt weit aus mit dem blitzenden Schwert:
„Hervor, du schneidige Klinge!
Die schwarzen Gedanken der brütenden Nacht,
Sie seien ans Licht des Tages gebracht,
Und das Werk der Vernichtung gelinge!

So ward es beschlossen im ewigen Rat:
Du bist der Gedanke, und ich bin die Tat,
Ich schlage mit wuchtigen Streichen;
Wer kann sich dem Arm des Verfolgers entziehen,
Und wollt er mit Flügeln des Frührotes fliehen,
Mein Schlachtschwert muss ihn erreichen!“

Auf schwarzem Renner, im schwarzem Gewand,
Die Waage hoch in der richtigen Hand,
Durchfliegt die Lüfte der dritte:
„Ich schaukle die Wiege, ich grabe das Grab, -
Lass steigen die Schalen hinauf und herab,
Das Zünglein schwankt in der Mitte.

Und sät ihr es aus, so ernte ich es ein,
Mein ist die Vergeltung, die Rache ist mein,
Zur Furcht gedeiht das Verderben;
Ich bin die Verdammung, ich bin das Gericht,
Sie fühlen mich alle und kennen mich nicht
Und zittern und wollen nicht sterben.“

So singen die drei. Und hinterher
Der magere Gaul, nicht eilt er sich sehr,
Drauf klappert ein dürres Gerippe,
Sein Schädel grinst fleischlosen Gesichts, -
Es wackelt und nickt, doch sagt es nichts
Und schwingt die blutige Hippe...

Max Kahlbeck