Zeitgedichte


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Mir ist schon lang die Poesie,
Wie unsere Dichter sie getrieben,
Die nur dem Herzen Flügel lieh
Und Lenz besang und junges Lieben,
Die höchsten noch für die Natur
Fand einen Ausdruck halb verschwommen –
Wie ein veraltet Märchen nur,
der Zeit nicht passend, vorgekommen.
Nach meiner Ansicht müsste sie,
Um neuen Aufschwung selbst zu nehmen,
zum Dienste unserer Industrie
Sich gleich der Wissenschaft bequemen.
Da meine Lieder nun der Zeit
Und ihrem praktischen Fortschritt dienen,
und also schnell kein Wurm gedeiht,
möchte ich bezeichnen sie: „Trichinen.“

1.
Der Phosphor in meinem Gehirne
Sprüht glühende Funken umher,
Sie leuchten im Dunkel der Stirne
Und springen die Kreuz und Quer.

Das sind meine Dichtergedanken,
Sie blitzen den schönsten Traum,
Die Zweige der Nerven schwanken
Wie im Sturmwind der Tannenbaum.

Mich bewegt die wichtige Frage,
Doch bleibe ich schließlich dabei,
Dass doppelte Schienenlage
Weit besser, als einfache sei.

2.
Jüngst schritt ich zu nächtiger Stunde
Wohl durch die Straßen der Stadt,
Das Pflaster weit in der Runde
Vom Regen war nass und glatt.

Der Mond, wie ein freundlicher Alter,
Lugt über die Dächer herein,
Da kam ich an einen Schalter
Und hielt im Schreiten ein.

Wie wird es der Schalter spüren,
So dacht ich stillgerührt,
Wenn gleiche Portogebühren
Im Lande sind eingeführt!

3.
Wenn man das Erdöl sich betrachtet,
Wie es zu hohem Wert gedieh –
Indes man’s früher kaum beachtet –
Muss staunen selbst die Poesie!

Und billig denkt dabei der Weise,
Dass in der Erde reichem Grund
Noch manche Quelle heimlich leise
Verborgen harrt auf ihren Fund.

4.
Ich litt seit vielen Monden
An Liebe und Magenschmerz,
Da zog ich die schönste der Blonden
Für immer an mein Herz.

Mein Herz kein Leid mehr spüret,
Der Magen keine Beschwer –
Hat nun mich die Liebe kurieret
Oder Daubitzer Kräuterlikör?

5.
Ich saß am Kamine behaglich
An Liebchens Seite gelehnt.
Sie sprach: „Was blickst Du so fraglich –
O sag, was Dein Herz ersehnt?!“

Lang wollt ich es ihr nicht erklären,
Doch endlich erwidert ich das:
„Wie lange wohl wird’s bei uns währen,
Bis man heizt, wie in England mit Gas!“

6.
Unumgänglich nötig scheint
Neues mir zu sein;
Wenn die muntere Rebe weint,
Gibt sie neuen Wein.

Will der Sinn sich nicht bequemen,
Neue Formen anzunehmen,
Ei, so nehmt den Unsinn frisch,
Und bestellt damit den Tisch.

Unumgänglich nötig scheint
Neues mir zu sein;
Wenn die muntere Rebe weint,
Gibt es neuen Wein.