Weise Lehre

(Legende)

Tamerlan, der große Feldherr,
Lagerte vor Jenishehir,
Und es dachten die Bewohner
Sich zum Widerstand zu rüsten.
Aber Einer nur – der edle
Hoja, riet zur Unterwerfung
Und erbot sich, aufzusuchen
Selbst den grimmigen Tyrannen,
Und durch Gaben und Geschenke
Seine Gnade zu erwirken.
Damit war man einverstanden,
Und mit seinem Weib beriet sich
Hoja, was er wählen solle
Zum Geschenke, schöne Quitten
Oder schmucklos saftige Feigen. –
„Schöne Quitten“, sprach die Gattin,
„Werden besser ihm gefallen.“
Und es hört den Rat der Hoja,
Dachte sich: „was Dir die Frau riet,
Ist vom Übel!“ und entschlossen
Zog mit einem Korb voll Feigen
Er ins Lager des Tyrannen,
warf demütig sich zur Erde,
Küsste Tamerlan die Füße,
Und die saftig, süßen Feigen
Reicht er huldigend dem Tyrannen.
Dieser aber, hoch entrüstet
Über so gemeine Gabe,
Ließ den vollen Korb ihm nehmen
Und befahl, dass man die Feigen
All‘ ihm werfe an den Kahlkopf.
Hui! Wie flog‘s von allen Seiten!
Doch bei jedem Wurfe lächelnd
Rufet Hoja: „Dank dem Himmel!“
„Dank dem Himmel!“ ob die Feigen
Auch am Schädel ihm zerplatzten. –
Tamerlan, darüber verwundert,
Fragte Hoja nach dem Grunde,
Und es sprach der edle Hoja:
„Ach, ich danke, Herr dem Himmel,
Dass dem Rat ich meines Weibes
Nicht gefolgt, denn hätte ich Quitten,
Wie sie wollte, Euch verehret,
hätten längst mich totgeworfen
Eure Diener!“ Und es lachte
Tamerlan und sagte also:
„Eine Lehre, eine Weise,
Hab ich Hoja Dir zu danken –
Und um dieser Lehre willen
Schonen will ich Jenishehir.
Unvergessen sei der Vorfall
Und Ihr Männer aller Zeiten
Merket Euch mit mir die Lehre:
Folget nie dem Rat des Weibes!“