In reiferen Jahren

Das war ein Abend gewitterschwül,
Da wir zum letzten Mal
Hinab vom hohen Lindenbühl
Geblickt ins stille Tal.

Ein Regenbogen spannte hold
Sich weit am Himmel aus,
Und drunter lag im Abendgold
Dein liebes Vaterhaus.

Und die Sonne endlich wich
Vom hohen Bergessaum,
Da küsste ich noch einmal dich,
Dann schied ich wie ein Traum. –

Nun kam nach langer Wanderung
Ich wiederum hierher.
Mein Herz ist noch wie damals jung,
Dich finde ich nicht mehr.

Es steht Gebirg und Haus und Tal
Noch auf dem alten Platz,
Es ist derselbe Sonnenstrahl,
Du aber fehlst, mein Schatz!
Sie sagten mir, du seist vermählt
Mit einem reichen Mann,
und was mir sonst noch ward erzählt,
Ich lauschte lang und sann.

Vom Waldessaume pflückt ich mir
Ein frisches grünes Blatt.
„O, lieber Gott, wie dank ich Dir,
Dass sie ein Andrer hat!“