Der alte Storch

Frühling ist ins Land gezogen,
Feiert heut sein Wiegenfest,
Weit vom Süden hergeflogen
Sucht der Storch sein altes Nest.

Kupferdach statt grauer Schindel
Sieht er – und das Nest ist fort!
Zürnend in den Frühlingsschwindel
Spricht er dieses ernste Wort:

„Du verwünschte Zeit der Kohlen –
Mein gewohntes Nest ist hin!
Mag das Haus der Kuckuck holen
Mit dem russischen Kamin.

Traulich aus dem alten Schlote
Stieg um uns ein warmer Hauch:
Für das Holz, das heimlich lohte,
Qualmt die Kohle ihren Rauch.

Alle Giebel abgetragen,
Alle Häuser steif und blank,
Kein Gemäuer darf mehr ragen
Und das letzte Türmlein sank.

Zeit des Dampfes, Zeit der Schrauben,
O wie ist dein Herz so leer,
Selbst die lieben Kinder glauben
An den guten Storch nicht mehr.

Bracht ich Brüder sonst und Schwestern
Riefen mich die Kleinen an –
Ach, mit unsern lieben Nestern
Schwindet hin der holde Wahn.

Alles Feuchte legt ihr trocken,
Voll prosaischer Kultur,
Nirgends darf ein Fröschlein hocken
Und von Schlangen keine Spur!

Lauter rechnende Gesichter
Alles Frohe schwindet bald,
Ausgestorben sind die Dichter
In dem deutschen Dichterwald.

Auf den Höhen, in dem Sande,
Alle werden mir zu klug!
Weit von euch, ihr deutschen Lande
Nehm ich heut noch meinen Flug.

Lasset mich, den Fortschrittsmüden!
Fernes Grüßen tönet – horch!“
Und erzürnten Flugs nach Süden
Zieht zurück der letzte Storch.