Isegrim klagte, der Wolf, und sprach: Ihr werdet verstehen!
Reineke, gnädiger König, so wie er immer ein Schalk war,
bleibt er es auch und steht und redet schändliche Dinge,
mein Geschlecht zu beschimpfen und mich. So hat er mir immer,
meinem Weibe noch mehr, empfindliche Schande bereitet.
So bewog er sie einst, in einem Teiche zu waten
durch den Morast und hatte versprochen, sie solle des Tages
viele Fische gewinnen; sie habe den Schwanz nur ins Wasser
einzutauchen und hängen zu lassen: es würden die Fische
fest sich beißen, sie könne selbviert nicht alle verzehren.
Watend kam sie darauf und schwimmend gegen das Ende,
gegen den Zapfen; da hatte das Wasser sich tiefer gesammelt,
und er hieß sie den Schwanz ins Wasser hängen. Die Kälte
gegen Abend war groß, und grimmig begann es zu frieren,
dass sie fast nicht länger sich hielt; so war auch in kurzem
ihr der Schwanz ins Eis gefroren, sie konnt‘ ihn nicht regen,
glaubte, die Fische wären so schwer, es wäre gelungen.
Reineke merkt‘ es, der schändliche Dieb, und was er getrieben,
darf ich nicht sagen, er kam und übermannte sie leider.
Von der Stelle soll er mir nicht! es kostet der Frevel
einen von beiden, wie Ihr uns seht, noch heute das Leben.
Denn er schwätzt sich nicht durch; ich hab ihn selber betroffen
über der Tat, mich führte der Zufall am Hügel den Weg her.
Laut um Hilfe hört ich sie schreien, die arme Betrogne,
fest im Eise stand sie gefangen und konnt‘ ihm nicht wehren,
und ich kam und musste mit eignen Augen das alles
sehen! Ein Wunder fürwahr, dass mir das Herz nicht gebrochen.
Reineke! rief ich: was tust du? Er hörte mich kommen und eilte
seine Straße. Da ging ich hinzu mit traurigem Herzen,
musste waten und frieren im kalten Wasser und konnte
nur mit Mühe das Eis zerbrechen, mein Weib zu erlösen.
Ach, es ging nicht glücklich vonstatten! sie zerrte gewaltig,
und es blieb ihr ein Viertel des Schwanzes im Eise gefangen.
Jammernd klagte sie laut und viel, das hörten die Bauern,
kamen hervor und spürten uns aus und riefen einander.
Hitzig liefen sie über den Damm mit Piken und Äxten,
mit dem Rocken kamen die Weiber und lärmten gewaltig:
Fangt sie! schlagt nur und werft! so riefen sie gegeneinander.
Angst wie damals empfand ich noch nie, das gleiche bekennet
Gieremund auch, wir retteten kaum mit Mühe das Leben,
liefen, es rauchte das Fell. Da kam ein Bube gelaufen,
ein vertrackter Geselle, mit einer Pike bewaffnet;
Leicht zu Fuße, stach er nach uns und drängt‘ uns gewaltig.
Wäre die Nacht nicht gekommen, wir hätten das Leben gelassen.
Und die Weiber riefen noch immer, die Hexen, wir hätten
ihre Schafe gefressen. Sie hätten uns gerne getroffen,
schimpften und schmähten hinter uns drein. Wir wandten uns aber
von dem Lande wieder zum Wasser und schlupften behende
zwischen die Binsen; da trauten die Bauern nicht weiter zu folgen,
denn es war dunkel geworden, sie machten sich wieder nach Hause.
Knapp entkamen wir so. Ihr sehet, gnädiger König,
Überwältigung, Mord und Verrat, von solchen Verbrechen
ist die Rede; die werdet Ihr streng, mein König, bestrafen.

Als der König die Klage vernommen, versetzt‘ er: Es werde
rechtlich hierüber erkannt, doch lasst uns Reineken hören.

Reineke sprach: Verhielt‘ es sich also, würde die Sache
wenig Ehre mir bringen, und Gott bewahre mich gnädig,
dass man es fände, wie er erzählt! Doch will ich nicht leugnen,
dass ich sie Fische fangen gelehrt und auch ihr die beste
Straße, zu Wasser zu kommen, und sie zu dem Teiche gewiesen.
Aber sie lief so gierig darnach, sobald sie nur Fische
nennen gehört, und Weg und Maß und Lehre vergaß sie.
Blieb sie fest im Eise befroren, so hatte sie freilich
viel zu lange gesessen; denn hätte sie zeitig gezogen,
hätte sie Fische genug zum köstlichen Mahle gefangen.
Allzu große Begierde wird immer schädlich. Gewöhnt sich
ungenügsam das Herz, so muss es vieles vermissen;
Wer den Geist der Gierigkeit hat, er lebt nur in Sorgen,
niemand sättiget ihn. Frau Gieremund hat es erfahren,
da sie im Eise befror. Sie dankt nun meiner Bemühung
schlecht. Das hab ich davon, dass ich ihr redlich geholfen!
Denn ich schob und wollte mit allen Kräften sie heben,
doch sie war mir zu schwer, und über dieser Bemühung
traf mich Isegrim an, der längs dem Ufer daher ging,
stand da droben und rief und fluchte grimmig herunter.
Ja fürwahr, ich erschrak, den schönen Segen zu hören.
Eins und zwei- und dreimal warf er die grässlichsten Flüche
über mich her und schrie, von wildem Zorne getrieben,
und ich dachte: du machst dich davon und wartest nicht länger;
Besser laufen, als faulen. Ich hatt‘ es eben getroffen,
denn er hätte mich damals zerrissen. Und wenn es begegnet,
dass zwei Hunde sich beißen um Einen Knochen, da muss wohl
einer verlieren. So schien mir auch da das Beste geraten,
seinem Zorn zu entweichen und seinem verworrnen Gemüte.
Grimmig war er und bleibt es, wie kann er‘s leugnen? Befraget
seine Frau; was hab ich mit ihm, dem Lügner, zu schaffen?
Denn sobald er sein Weib im Eise befroren bemerkte,
flucht‘ und schalt er gewaltig und kam und half ihr entkommen.
Machten die Bauern sich hinter sie her, so war es zum besten;
Denn so kam ihr Blut in Bewegung, sie froren nicht länger.
Was ist weiter zu sagen? Es ist ein schlechtes Benehmen,
wer sein eigenes Weib mit solchen Lügen beschimpfet.
Fragt sie selber, da steht sie, und hätt er die Wahrheit gesprochen,
würde sie selber zu klagen nicht fehlen. Indessen erbitt ich
eine Woche mir Frist, mit meinen Freunden zu sprechen,
was für Antwort dem Wolf und seiner Klage gebühret.

Gieremund sagte darauf: In Eurem Treiben und Wesen
ist nur Schalkheit, wir wissen es wohl, und Lügen und Trügen,
Büberei, Täuschung und Trotz. Wer Euren verfänglichen Reden
glaubt, wird sicher am Ende beschädigt. Immer gebraucht Ihr
lose verworrene Worte. So hab ich‘s am Borne gefunden.
Denn zwei Eimer hingen daran, Ihr hattet in einen,
weiß ich, warum? Euch gesetzt und wart herniedergefahren;
nun vermochtet Ihr nicht, Euch selber wieder zu heben,
und Ihr klagtet gewaltig. Des Morgens kam ich zum Brunnen,
fragte: Wer bracht Euch herein? Ihr sagtet: Kommt Ihr doch eben,
liebe Gevatterin, recht! ich gönn Euch jeglichen Vorteil;
steigt in den Eimer da droben, so fahrt Ihr hernieder und esset
hier an Fischen Euch satt. Ich war zum Unglück gekommen,
denn ich glaubt es, Ihr schwurt noch dazu: Ihr hättet soviele
Fische verzehrt, es schmerz Euch der Leib. Ich ließ mich betören,
dumm, wie ich war, und stieg in den Eimer; da ging er hernieder
und der andere wieder herauf, Ihr kamt mir entgegen.
Wunderlich schien mir‘s zu sein, ich fragte voller Erstaunen:
Sagt, wie gehet das zu? Ihr aber sagtet da wider:
Auf und ab, so geht‘s in der Welt, so geht es uns beiden.
Ist es doch also der Lauf. Erniedrigt werden die einen,
und die andern erhöht, nach eines jeglichen Tugend.
Aus dem Eimer sprangt Ihr und lieft und eiltet von dannen.
Aber ich saß im Brunnen bekümmert und musste den Tag lang
Harren und Schläge genug am selbigen Abend erdulden,
eh ich entkam. Es traten zum Brunnen einige Bauern,
sie bemerkten mich da. Von grimmigem Hunger gepeinigt,
saß ich in Trauer und Angst, erbärmlich war mir zumute.
Untereinander sprachen die Bauern: Da sieh nur, im Eimer
sitzt da unten der Feind, der unsre Schafe vermindert.
Hol‘ ihn herauf, versetzte der eine: ich halte mich fertig
und empfang‘ ihn am Rand, er soll uns die Lämmer bezahlen!
Wie er mich aber empfing, das war ein Jammer! Es fielen
Schläg‘ auf Schläge mir über den Pelz, ich hattemein Leben
Keinen traurigern Tag, und kaum entrann ich dem Tode.

Reineke sagte darauf. Bedenkt genauer die Folgen,
und Ihr findet gewiss, wie heilsam die Schläge gewesen.
Ich für meine Person mag lieber dergleichen entbehren,
und wie die Sache stand, so musste wohl eines von beiden
sich mit den Schlägen beladen, wir konnten zugleich nicht entgehen.
Wenn Ihrs Euch merkt, so nutzt es Euch wohl, und künftig vertraut Ihr
keinem so leicht in ähnlichen Fällen. Die Welt ist voll Schalkheit.

Ja, versetzte der Wolf: was braucht es weiter Beweise!
Niemand verletzte mich mehr, als dieser böse Verräter.
Eines erzählt‘ ich noch nicht, wie er in Sachsen mich einmal
unter das Affengeschlecht zu Schand‘ und Schaden geführet.
Er beredete mich, in eine Höhle zu kriechen,
und er wusste voraus, es würde mir Übels begegnen.
Wär‘ ich nicht eilig entflohn, ich wär‘ um Augen und Ohren
dort gekommen. Er sagte vorher mit gleisenden Worten:
Seine Frau Muhme find‘ ich daselbst, er meinte die Äffin;
Doch es verdross ihn, dass ich entkam. Er schickte mich tückisch
in das abscheuliche Nest, ich dacht, es wäre die Hölle.

Reineke sagte darauf vor allen Herren des Hofes:
Isegrim redet verwirrt, er scheint nicht völlig bei Sinnen.
Von der Äffin will er erzählen, so sag er es deutlich.
Drittehalb Jahr sind‘s her, als nach dem Lande zu Sachsen
er mit großem Prassen gezogen, wohin ich ihm folgte.
Das ist wahr, das übrige lügt er. Es waren nicht Affen,
Meerkatzen waren‘s, von welchen er redet; und nimmermehr werd‘ ich
diese für meine Muhmen erkennen. Martin, der Affe,
und Frau Rückenau sind mir verwandt; sie ehr‘ ich als Muhme,
ihn als Vetter, und rühme mich des. Notarius ist er
und versteht sich aufs Recht. Doch was von jenen Geschöpfen
Isegrim sagt, geschieht mir zum Hohn, ich habe mit ihnen
nichts zu tun, und nie sind‘s meine Verwandten gewesen;
Denn sie gleichen dem höllischen Teufel. Und dass ich die Alte
damals Muhme geheißen, das tat ich mit gutem Bedachte.
Nichts verlor ich dabei, das will ich gerne gestehen:
Gut gastierte sie mich, sonst hätte sie mögen ersticken.

Seht, Ihr Herren! wir hatten den Weg zur Seite gelassen,
gingen hinter dem Berg, und eine düstere Höhle,
tief und lang, bemerkten wir da. Es fühlte sich aber
Isegrim krank, wie gewöhnlich, vor Hunger. Wann hätt‘ ihn auch jemals
einer so satt gesehen, dass er zufrieden gewesen?
Und ich sagte zu ihm: In dieser Höhle befindet
Speise fürwahr sich genug, ich zweifle nicht, ihre Bewohner
teilen gerne mit uns, was sie haben, wir kommen gelegen.
Isegrim aber versetzte darauf: Ich werde, mein Oheim,
unter dem Baume hier warten, Ihr seid in allem geschickter,
neue Bekannte zu machen, und wenn Euch Essen gereicht wird,
tut mir‘s zu wissen! So dachte der Schalk, auf meine Gefahr erst
abzuwarten, was sich ergäbe; ich aber begab mich
in die Höhle hinein. Nicht ohne Schauer durchwandert‘
ich den langen und krummen Gang, er wollte nicht enden.
Aber was ich dann fand - den Schrecken wollt‘ ich um vieles
rotes Gold nicht zweimal in meinem Leben erfahren!
Welch ein Nest voll hässlicher Tiere, großer und kleiner!
Und die Mutter dabei, ich dacht‘, es wäre der Teufel.
Weit und groß ihr Maul mit langen hässlichen Zähnen,
lange Nägel an Händen und Füßen und hinten ein langer
Schwanz an den Rücken gesetzt; so was Abscheuliches hab‘ ich
nicht im Leben gesehn! Die schwarzen leidigen Kinder
waren seltsam gebildet, wie lauter junge Gespenster.
Gräulich sah sie mich an. Ich dachte: wär‘ ich von dannen!
Größer war sie als Isegrim selbst, und einige Kinder
fast von gleicher Statur. Im faulen Heue gebettet
fand ich die garstige Brut und über und über beschlabbert
bis an die Ohren mit Kot, es stank in ihrem Reviere
ärger als höllisches Pech. Die reine Wahrheit zu sagen:
Wenig gefiel es mir da, denn ihrer waren so viele,
und ich stand nur allein. Sie zogen gräuliche Fratzen.
Da besann ich mich denn, und einen Ausweg versucht‘ ich,
grüßte sie schön - ich meint‘ es nicht so – und wusste so freundlich
und bekannt mich zu stellen. Frau Muhme! Sagt‘ ich zur Alten,
Vettern hieß ich die Kinder und ließ es an Worten nicht fehlen.
Spar‘ Euch der gnädige Gott auf lange glückliche Zeiten!
Sind das Eure Kinder? Fürwahr! ich sollte nicht fragen;
Wie behagen sie mir! Hilf Himmel! wie sie so lustig,
Wie sie so schön sind! Man nähme sie alle für Söhne des Königs.
Seid mir vielmal gelobt, dass Ihr mit würdigen Sprossen
mehret unser Geschlecht, ich freue mich über die Maßen.
Glücklich find‘ ich mich nun, von solchen Öhmen zu wissen;
Denn zu Zeiten der Not bedarf man seiner Verwandten.
Als ich ihr so viel Ehre geboten, wiewohl ich es anders
meinte, bezeigte sie mir von ihrer Seite desgleichen,
hieß mich Oheim und tat so bekannt, so wenig die Närrin
auch zu meinem Geschlechte gehört. Doch konnte für diesmal
gar nicht schaden, sie Muhme zu heißen. Ich schwitzte dazwischen
über und über vor Angst; allein sie redete freundlich:
Reineke, werter Verwandter, ich heiß‘ Euch schönstens willkommen!
Seid Ihr auch wohl? Ich bin Euch mein ganzes Leben verbunden,
dass Ihr zu mir gekommen. Ihr lehret kluge Gedanken
meine Kinder fortan, dass sie zu Ehren gelangen.
Also hört‘ ich sie reden; das hatt‘ ich mit wenigen Worten,
dass ich sie Muhme genannt und dass ich die Wahrheit geschonet,
Reichlich verdient. Doch wär‘ ich so gern im Freien gewesen.
Aber sie ließ mich nicht fort und sprach: Ihr dürfet, mein Oheim,
unbewirtet nicht weg! Verweilet, lasst Euch bedienen.
Und sie brachte mir Speise genug, ich wüsste sie wahrlich
jetzt nicht alle zu nennen; verwundert war ich zum höchsten,
wie sie zu allem gekommen. Von Fischen, Rehen und anderm
guten Wildbret, ich speiste davon, es schmeckte mir herrlich.
Als ich zur Genüge gegessen, belud sie mich über das alles,
bracht‘ ein Stück vom Hirsche getragen, ich sollt‘ es nach Hause
zu den Meinigen bringen, und ich empfahl mich zum besten.
Reineke, sagte sie noch: besucht mich öfters. Ich hätte,
was sie wollte, versprochen; ich machte, dass ich herauskam.
Lieblich war es nicht da für Augen und Nase, ich hätte
mir den Tod beinahe geholt; ich suchte zu fliehen,
lief behende den Gang bis zu der Öffnung am Baume.
Isegrim lag und stöhnte daselbst; ich sagte: Wie geht‘s Euch,
Oheim? Er sprach: Nicht wohl! ich muss vor Hunger verderben.
Ich erbarmte mich seiner und gab ihm den köstlichen Braten,
den ich mit mir gebracht. Er aß mit großer Begierde,
vielen Dank erzeigt‘ er mir da; nun hat er‘s vergessen!
Als er nun fertig geworden, begann er: Lasst mich erfahren,
wer die Höhle bewohnt? Wie habt Ihr‘s drinne gefunden?
Gut oder schlecht? Ich sagt‘ ihm darauf die lauterste Wahrheit,
unterrichtet ihn wohl. Das Nest sei böse, dagegen
finde sich drin viel köstliche Speise. Sobald er begehre,
seinen Teil zu erhalten, so mög‘ er kecklich hineingehn,
nur vor allem sich hüten, die grade Wahrheit zu sagen.
Soll es Euch nach Wünschen ergehn, so spart mir die Wahrheit!
Wiederholt‘ ich ihm noch: denn führt sie jemand beständig
unklug im Munde, der leidet Verfolgung, wohin er sich wendet;
Überall steht er zurück, die andern werden geladen.
Also hieß ich ihn gehn; ich lehrt‘ ihn: was er auch fände,
sollt‘ er reden, was jeglicher gerne zu hören begehret,
und man wird‘ ihn freundlich empfangen. Das waren die Worte,
gnädiger König und Herr, nach meinem besten Gewissen.
aber das Gegenteil tat er hernach, und kriegt‘ er darüber
etwas ab, so hab‘ er es auch: er sollte mir folgen.
Grau sind seine Zotteln fürwahr, doch sucht man die Weisheit
nur vergebens dahinter. Es achten solche Gesellen
weder Klugheit noch feine Gedanken; es bleibet dem groben
tölpischen Volke der Wert von aller Weisheit verborgen.
Treulich schärft ich ihm ein, die Wahrheit diesmal zu sparen;
Weiß ich doch selbst, was sich ziemt! Versetzt‘ er trotzig dagegen,
und so trabt‘ er die Höhle hinein, da hat er‘s getroffen.
Hinten saß das abscheuliche Weib, er glaubte, den Teufel
vor sich zu sehn! die Kinder dazu! da rief er betroffen:
Hilfe! Was für abscheuliche Tiere! Sind diese Geschöpfe
Eure Kinder? Sie scheinen fürwahr ein Höllengesindel.
Geht, ertränkt sie, das wäre das Beste, damit sich die Brut nicht
über die Erde verbreite! Wenn es die meinigen wären,
ich erdrosselte sie. Man finge wahrlich mit ihnen
junge Teufel, man brauchte sie nur in einem Moraste
auf das Schilf zu binden, die garstigen, schmutzigen Rangen!
Ja, Mooraffen sollten sie heißen, da passte der Name!

Eilig versetzte die Mutter und sprach mit zornigen Worten:
Welcher Teufel schickt uns den Boten? Wer hat Euch gerufen,
hier uns grob zu begegnen? Und meine Kinder! Was habt Ihr,
schön oder hässlich, mit ihnen zu tun? Soeben verlässt uns
Reineke Fuchs, der erfahrene Mann, der muss es verstehen;
Meine Kinder, beteuert‘ er hoch, er finde sie sämtlich‘
schön und sittig, von guter Manier; er mochte mit Freuden
sie für seine Verwandten erkennen. Das hat er uns alles
hier an diesem Platz vor einer Stunde versichert.
Wenn sie Euch nicht wie ihm gefallen, so hat Euch wahrhaftig
niemand zu kommen gebeten. Das möget Ihr, Isegrim, wissen.

Und er forderte gleich von ihr zu essen und sagte:
Holt herbei, sonst helf‘ ich Euch suchen! Was wollen die Reden
weiter helfen? Er machte sich dran und wollte gewaltsam
ihren Vorrat betasten; das war ihm übel geraten!
Denn sie warf sich über ihn her, zerbiss und zerkratzt‘ ihm
mit den Nägeln das Fell und klaut‘ und zerrt‘ ihn gewaltig;
Ihre Kinder taten das gleiche, sie bissen und krammten
gräulich auf ihn; da heult‘ er und schrie mit blutigen Wangen,
wehrte sich nicht und lief mit hastigen Schritten zur Öffnung.
Übel zerrissen sah ich ihn kommen, zerkratzt, und die Fetzen
hingen herum, ein Ohr war gespalten und blutig die Nase,
manche Wunde kneipten sie ihm und hatten das Fell ihm
garstig zusammengeruckt. Ich fragt‘ ihn, wie er heraustrat:
Habt Ihr die Wahrheit gesagt? Er aber sagte dagegen:
Wie ich‘s gefunden, so hab ich gesprochen. Die leidige Hexe
hat mich übel geschändet, ich wollte, sie wäre hier außen,
teuer bezahlte sie mir‘s! Was dünkt Euch, Reineke? habt Ihr
jemals solche Kinder gesehn? so garstig, so böse?
Da ich‘s ihr sagte, da war es geschehn, da fand ich nicht weiter
Gnade vor ihr und habe mich übel im Loche befunden.

Seid Ihr verrückt? versetzt ich ihm drauf. ich hab‘ es Euch anders
weislich geheißen. Ich grüß‘ Euch zum schönsten (so solltet Ihr sagen),
liebe Muhme, wie geht es mit Euch? Wie geht es den lieben
artigen Kindern? Ich freue mich sehr, die großen und kleinen
Neffen wiederzusehn. Doch Isegrim sagte dagegen:
Muhme das Weib zu begrüßen? und Neffen die hässlichen Kinder?
Nehm sie der Teufel zu sich! Mir graut vor solcher Verwandtschaft.
Pfui! ein ganz abscheuliches Pack! ich seh‘ sie nicht wieder.
Darum ward er so übel bezahlt. Nun richtet, Herr König!
Sagt er mit Recht, ich hab‘ ihn verraten? Er mag es gestehen,
hat die Sache sich nicht, wie ich erzähle, begeben?

Isegrim sprach entschlossen dagegen: Wir machen wahrhaftig
diesen Streit mit Worten nicht aus. Was sollen wir keifen?
Recht bleibt Recht, und wer es auch hat, es zeigt sich am Ende.
Trotzig, Reineke, tretet Ihr auf, so mögt Ihr es haben!
Kämpfen wollen wir gegeneinander, da wird es sich finden.
Vieles wisst Ihr zu sagen, wie vor der Affen Behausung
ich so großen Hunger gelitten, und wie Ihr mich damals
treulich genährt. Ich wüsste nicht, wie! Es war nur ein Knochen,
den Ihr brachtet, das Fleisch vermutlich speistet Ihr selber.
Wo Ihr stehet, spottet Ihr mein und redet verwegen,
meiner Ehre zu nah. Ihr habt mit schändlichen Lügen
mich verdächtig gemacht, als hätt‘ ich böse Verschwörung
gegen den König im Sinne gehabt und hätte sein Leben
ihm zu rauben gewünscht; Ihr aber prahltet dagegen
ihm von Schätzen was vor; er möchte schwerlich sie finden!
Schmählich behandeltet Ihr mein Weib und sollt es mir büßen.
Dieser Sachen klag‘ ich euch an! ich denke zu kämpfen
über Altes und Neues und wiederhol es: ein Mörder,
ein Verräter seid Ihr, ein Dieb; und Leben um Leben
wollen wir kämpfen, es endige nun das Keifen und Schelten.
Einen Handschuh biet‘ ich Euch an, so wie ihn zu Rechte
jeder Fordernde reicht, Ihr mögt ihn zum Pfande behalten,
und wir finden uns bald. Der König hat es vernommen,
alle die Herren haben‘s gehört! ich hoffe, sie werden
Zeugen sein des rechtlichen Kampfs. Ihr sollt nicht entweichen,
bis die Sache sich endlich entscheidet; dann wollen wir sehen.

Reineke dachte bei sich: Das geht um Vermögen und Leben!
Groß ist er, ich aber bin klein, und könnt es mir diesmal
etwa misslingen, so hätten mir alle die listigen Streiche
wenig geholfen. Doch warten wir‘s ab. Denn, wenn ich‘s bedenke,
bin ich im Vorteil: verlor er ja schon die vordersten Klauen!
Ist der Tor nicht kühler geworden, so soll er am Ende
seinen Willen nicht haben, es koste, was es auch wolle.

Reineke sagte zum Wolfe darauf: Ihr mögt mir wohl selber
ein Verräter, Isegrim, sein, und alle Beschwerden,
die Ihr auf mich zu bringen gedenket, sind alle gelogen.
Wollt Ihr kämpfen? ich wag‘ es mit Euch und werde nicht wanken.
Lange wünscht‘ ich mir das! hier ist mein Handschuh dagegen.

So empfing der König die Pfänder, es reichten sie beide
kühnlich. Er sagte darauf: Ihr sollt mir Bürgen bestellen,
dass Ihr morgen zum Kampfe nicht fehlt; denn beide Parteien
find ich verworren, wer mag die Reden alle verstehen?
Isegrims Bürgen wurden sogleich der Bär und der Kater,
Braun und Hinze; für Reineken aber verbürgten sich gleichfalls
Vetter Moneke, Sohn von Märtenaffe, mit Grimbart.

Reineke, sagte Frau Rückenau drauf: nun bleibet gelassen,
klug von Sinnen! Es lehrte mein Mann, der jetzo nach Rom ist,
euer Oheim, mich einst ein Gebet; es hatte dasselbe
Abt von Schluckauf gesetzt und gab es meinem Gemahle,
dem er sich günstig erwies, auf einen Zettel geschrieben.
Dieses Gebet, so sagte der Abt, ist heilsam den Männern,
die ins Gefecht sich begeben; man muss es nüchtern des Morgens
überlesen, so bleibt man des Tags von Not und Gefahren
völlig befreit, vorm Tode geschützt, vor Schmerzen und Wunden.
Tröstet Euch, Neffe, damit, ich will es morgen beizeiten
über Euch lesen, so geht Ihr getrost und ohne Befugnis.
Liebe Muhme, versetzte der Fuchs: ich danke von Herzen,
Ich gedenk es Euch wieder. Doch muss mir immer am meisten
meiner Sache Gerechtigkeit helfen und meine Gewandtheit.

Reinekens Freunde blieben beisammen die Nacht durch und scheuchten
seine Grillen durch muntre Gespräche. Frau Rückenauaber
war vor allen besorgt und geschäftig, sie ließ ihn behende
zwischen Kopf und Schwanz und Brust und Bauche bescheren
und mit Fett und Öle bestreichen; es zeigte sich aber
Reineke fett und rund und wohl zu Fuße. Daneben
sprach sie: Höret mich an, bedenket, was Ihr zu tun habt,

Höret den Rat verständiger Freunde, das hilft Euch am besten.
Trinket nur brav und haltet das Wasser, und kommt Ihr des Morgens
in den Kreis, so macht es gescheit, benetzet den rauhen
Wedel über und über und sucht den Gegner zu treffen;
Könnt Ihr die Augen ihm salben, so ist‘s am besten geraten,
Sein Gesicht verdunkelt sich gleich; es kommt Euch zustatten,
und ihn hindert es sehr. Auch müsst Ihr anfangs Euch furchtsam
stellen und gegen den Wind mit flüchtigen Füßen entweichen.
Wenn er Euch folget, erregt nur den Staub, auf dass Ihr die Augen
ihm mit Unrat und Sande verschließt. Dann springet zur Seite,
passt auf jede Bewegung, und wenn er die Augen sich auswischt,
nehmt des Vorteils gewahr und salbt ihm aufs neue die Augen
mit dem ätzenden Wasser, damit er völlig erblinde,
nicht mehr wisse, wo aus noch ein, und der Sieg Euch verbleibe.
Lieber Neffe, schlaft nur ein wenig, wir wollen Euch wecken,
wenn es Zeit ist. Doch will ich sogleich die heiligen Worte
über Euch lesen, von welchen ich sprach, auf dass ich Euch stärke.
Und sie legt‘ ihm die Hand aufs Haupt und sagte die Worte:
Rekräst negibual geid sum namteflih dnudna mein tedachs!
Nun Glück auf! nun seid Ihr verwahrt! Das Nämliche sagte
Oheim Grimbart; dann führten sie ihn und legten ihn schlafen.
Ruhig schlief er. Die Sonne ging auf; da kamen die Otter
und der Dachs, den Vetter zu wecken. Sie grüßten ihn freundlich,
und sie sagten: Bereitet Euch wohl! Da brachte die Otter
eine junge Ente hervor und reicht‘ sie ihm, sagend:
Esst, ich habe sie Euch mit manchem Sprunge gewonnen
an dem Damme bei Hünerbrot; lasst‘s Euch belieben, mein Vetter.

Gutes Handgeld ist das, versetzte Reineke munter:
So was verschmäh‘ ich nicht leicht. Das möge Gott Euch vergelten,
dass Ihr meiner gedenkt! Er ließ das Essen sich schmecken
und das Trinken dazu und ging mit seinen Verwandten
in den Kreis, auf den ebenen Sand, da sollte man kämpfen.

Reineke Fuchs ► Zwölfter Gesang