Es war einmal ein Rittersmann, der war gar reich begütert und lebte auf seinem Schlosse herrlich und in Freuden. Er hatte einen großen blauen Bart, weshalb ihn die Leute nur den Ritter Blaubart nannten.
Blaubart war schon mehrere Male verheiratet, allein seine Frauen starben immer schnell nacheinander und Niemand erfuhr an was, oder wohin sie gekommen. Nun ehelichte er eines schönen Tages ein gar holdes Edelfräulein und hielt eine prächtige Hochzeit.

Nach geraumer Zeit aber sagte er zu seiner jungen Gattin: „Ich muss verreisen und übergebe dir Alles, Haus und Hof. Nur ein Gemach, wozu ich hier den Schlüssel gebe, ist dir verboten, das betrete mir nicht, sonst kostet es dein Leben.“

Als der Ritter fort war, besuchten die zwei Brüder und die Schwester der jungen Edelfrau diese in ihrer Einsamkeit. Während die Brüder auf die Jagd ritten, beredete die Schwester die junge Frau das verbotene Zimmer zu öffnen.

Gesagt, getan, allein zum Tode erschrak diese, als sie in dem Gemache die früheren Frauen Blaubarts, teils enthauptet in ihrem Blute schwimmend, teils an den Wänden aufgehängt fand. Der Schlüssel entsank ihrer Hand und sie konnte ihn nicht mehr reinigen von dem Blute, in das er gefallen war.

In dem Augenblicke stürmte auch Blaubart wieder in das Schloss herein. Unbarmherzig packte er die zitternde Gattin und befahl ihr, sich zum Tode vorzubereiten. Die Schwester aber eilte in ihrer Herzensangst auf den Söller und spähte nach Hilfe. Da rief die unglückliche Frau „Schwester, siehst du Niemand?“
„Niemand!“ klang die trostlose Antwort. Und abermals rief Jene: „Schwester, siehst du noch Niemand?“

„Eine Staubwolke – aber ach! Es sind Schafe!“ antwortete die Schwester. Und zum Drittenmale rief die Unglückliche unter der Faust ihres Henkers: „Schwester, siehst du noch Niemand?“
„Zwei Reiter seh ich,“ klang es zurück, „sie sehen mein Notzeichen und reiten wie der Wind!“

Da entsprang die Frau todesmutig den Händen Blaubarts und warf die Zimmertüre ins Schloss. Indessen eilten die Brüder wie der Blitz herbei und kamen eben dazu wie der Ritter die Tür sprengte und mit gezücktem Schwerte in das Zimmer drang. Nach kurzem Kampfe streckten die Brüder den Unhold tod zu Boden und eilten mit den Schwestern von dannen. Das Schloss aber verfiel und kein menschlicher Fuß hat es mehr betreten.