Gedichte über die Liebe


Der Strohwitwer


Wie er seinen Freund schreibt:

Lieber Otto!
Da die Frauen nun per Bahn nach
Karlsbad, fern dem heimischen Herde,
Denk mal einem feschen Plan nach,
Dass die Zeit uns kürzer werde.

Sollen wir, während an den Quellen
Unsre Trauten Sprudel schlürfen,
Uns nicht in der Großstadt Wellen
Tollen Strudel stürzen dürfen?

Noch verglühte ja das Feuer
Gänzlich nicht zu grauer Asche,
Noch gibt’s holde Abenteuer
Mit dem Ehering in der Tasche.

Ferne sei’s , dass wir vergessen
Unsrer Frauen, der lieben, treuen,
Doch der Freiheit, knapp bemessen,
Dürfen wir uns drum erfreuen.

Ob auch süß des Babys Schrei ist,
Ob man girrt auch und sich schnäbelt,
Durch Familiensimpelei ist
Doch die Lebenslust geknebelt.

Denkst du noch der lustigen Nächte,
Beim Champagnerpfropfenknalle?
Ach, wir wurden Ehstandsknechte,
Würdige Spießer, alle, alle!

Man ist Gatte, man ist Vater,
Mit Beschämung dir gesteh ich:
Kabaretts, Rauchtheater
Kenne nur per Renommee ich.

Von dem philiströsen Leben
Ziemt sich‘s, dass ich mich erhole,
In dem prickelnd losen Leben
Unserer schönen Metropole.

Hol mich heute vom Büro ab,
Heute muss etwas geschehen,
Erstmal gondeln wir den Zoo ab,
Und dann – wollen wir weitersehen.


Wie er an seine Frau schreibt:


Geliebtes Herz!

Ach! Die Sonne ging zur Rüste
Nun bereits zum zwölften Male,
Seit ich Dich zum Abschied küsste,
Seit Du weilst im Tepltale.

Trübe mir die Stunden rinnen,
Abends nur auf der Veranda
Mag ich mich in Sehnsucht spinnen
Und gedenken meiner Wanda.

Meine Freunde, die bezichtigen
Mich des Trübsinns, welche Leere!
Ach, wie ich Dein lieb Gesichtchen
Schmerzlich sehnsuchtsvoll entbehre!

Hielte nicht der Dienst, der strenge,
Hielt die Pflicht mich nicht zurücke,
Berg und Tal ich überspränge,
Sonnte mich in Deinem Blicke.

Andre Männer ohne Rührung
Leben wie die Rotte Korah!
Spottend jeglicher Verführung
Sag ich: Ora et labora!   (bete und arbeite)

Aber gerne will ich‘s tragen,
Kehrst Du mir nur beim genesen,
Nach den einsam schweren Tagen
Doppelt mir geliebtes Wesen.

Geh zu schnelle und zu weit nicht,
Gurken und Salate meide,
Geh zur kühlen Abendzeit nicht
Bloß in dem durchbrochenen Kleide.

Was ich tu und was ich treibe
Mich umschwebt Dein süßes Bildnis,
Ach, solang ich einsam bleibe,
Fühl ich mich wie in der Wildnis.

Hierbei für die Extraspesen,
Liebste, noch ein kleiner Beitrag.
Bleib nur ruhig, süßes Wesen,
Noch bis übernächsten Freitag!


Hedwig Neumann