Verse über Stammtisch-Gepflogenheiten


Der Stammtisch


Allabendlich tagt im „Schwanen“
Von Ehemännern ein Kreis:
Man sitzt und schlürft sein Schöpplein
Und schwätzt bald laut, bald leis.
Bald ist vom Bier die Rede,
Bald geht’s politisch daher,
Von Steuern wird heute gesprochen
Und morgen vom Militär.
Nur eins kehrt immer wieder
Und mischt sich in alles drein
Und ist unerschöpflich als Thema -
Das ist: das Verheiratetsein.
Und wenn erst das aufs Tapet kommt
(Und jeden Abend geschieht‘s),
Dann fehlt auch nie die Geschichte
Vom alten Onkel Dietz.
Schon lange liegt in der Erde,
Der einst ihn Onkel genannt,
Und gar erst den Onkel selber -
Den hat kein Mensch gekannt.
Doch hat er ne Frau besessen -
Das weiß man noch heut in der Stadt -,
Die ihrem Mann im Leben
Nie widersprochen hat.
Die nie sich erlaubt zu fragen,
Wo er den Abend verbracht,
Viel weniger gar zu schelten,
Kam heim er in später Nacht.
Und wenn sie ja mal sagte -
Ganz arglos -: „Ist’s schon zwei?“
Sprach streng er: „Meine Sache!“
Und stammelnd sie : „Verzeih!“ -
Wenn die Geschichte erzählt wird,
Die längst ein jeder weiß,
Da geht über die Gesichter
Ein Leuchten rings im Kreis!
Dann spricht wohl der Bürgermeister:
„Ja, ja – so muss“ (doch nein,
Das wagt er nicht zu sagen,
Er spricht): „so müsst es sein!“
Und lang noch sitzt verklärt schier
Der Kreis und frohbewegt ...
Bis mählich das Bewusstsein
Der Wirklichkeit sich regt.
Der Amtmann spricht tief seufzend,
Und seine Lippe bebt:
„Gott weiß – der Onkel Dietz hat
Vielleicht gar nie gelebt!“
Still wird’s . Es holt mit Rasseln
Die Uhr zum Schlage aus:
„Schon zehn!“ – Da hebt sich alles
Und drängt und eilt nach Haus. -


Georg Bötticher