Gedicht über ein Stift


Das Stift


Nach einer wohldurchruhten Nacht,
So um Clock sieben morgens, Clock acht,
Ging ich, es war im herrlichsten Mai,
An einem freundlichen Spittel vorbei.
War vordem gewesen wohl eine Kaserne,
Das Eichamt, ein Kloster, eine Taverne,
Dann hat es die Stadt mit Stumpf und Stiel
Um kalfatert zu einem Asyl
Für alte verarmte, gebrechliche Frauen,
Auch weißköpfige Männer sind dort zu schauen.
Und an diesem Frühlingstage
Sitzen sie alle am Fensterschlage.
Im Parterre leuchtet der Sonnenschimmer
Die grauen Haare der Frauenzimmer,
Und alle trinken ihren Kaffee
Behaglich, ohne Sorg und Weh.
Die Untertasse in der Hand,
Pusten sie über des Schälchens Rand.
Einige lesen die Postille,
Die Bibel, fast alle mit der Brille,
Andre, schon fertig mit dem Trunk,
Hocken zusammen im Zungenschwung.
War das ein Bild, so voller Frieden!
Könnt ich’s doch auch so haben hienieden.
Im ersten Stock sitzt im milden Licht
An jedem Fenster ein Mannsgesicht
Mit Runzeln und Krakeln auf Stirn und Backen,
In gebeugter Haltung, mit krummen Nacken.
Die haben schon ihr Frühstück geschluckt
Und stöbern über die Zeitung gebuckt,
Andre schmöken ehr Piep Tobak
Und sind emsig im ersten Schnack!
Auch sind sie ein Bild so voller Frieden,
Könnt ich’s doch auch so haben hienieden:
Alle Wetter sind verzogen,
Alle Wünsche sind verflogen,
Jeder Ehrgeiz, jeder Wille
Ist versunken in der Stille.
Nur ein Lächeln noch, ein Lallen
Unser letztes Erdenwallen.
Ferne braust und graust die Welt,
Wir sind sicher hier bestellt,
Keine Woge kommt mehr her,
Ankern tief im großen Meer,
Wo wir schlummern, wo wir ruhen,
Brauchen kaum mehr noch die Truhen,
Die uns in die Gräber bringen,
Hören schon die Engel singen,
Unser Herrgott hält uns warm,
Schlafen längst in seinem Arm.


Detlev von Liliencron