Den "richtigen Mann" kann man sich nicht backen

Wer jedoch die Augen aufhält, kann so schnell über Verhaltensmerkmale seine Rückschlüsse ziehen. Den guten, den richtigen Mann zu finden, darüber handelt dieser Text.


Das Rezept, einen guten Mann zu bekommen

Ach, leider muss man doch einmal
Sich einen Mann wohl nehmen,
Ihr Mädchen alle hier im Saal
Braucht drob euch nicht zu schämen;
Wer je ein Mädchen war,
Dem ist es klar.

Doch sollt ihr fortan nicht so blind
Mehr unter Männern wählen;
Denn wahrlich, heutzutage sind
Die guten leicht zu zählen;
Dem jetzt den Stab mein Liedchen bricht:
Den nehmet nicht!

Geb’ ich jetzt an die Zeichen euch,
Die Bösen zu vermeiden:
Lehr’ ich die Guten allsogleich
Von Toren unterscheiden;
Rühm` ich euch einen an:
Den nehmt zum Mann.

Sieht euch ein Mann zum erstenmal
Und spricht schon von Gefühlen,
Von Himmelslust und Höllenqual,
Die ihm im Innern wühlen,
Dem’s bald das Herz zerbricht.
Nein, den nehmt nicht!

Doch, wenn der Jüngling, der euch sieht,
Kein Wort vom Mund kann rücken;
Wenn er vor Scheu zurück sich zieht,
Und sieht mit hellen Blicken
Euch nur verstohlen an:
Den nehmt zum Mann!

Der immer vor dem Spiegel steht,
Den Leib zusammenschnüret,
Der krampfhaft sich den Schnurrbart dreht,
Als Stutzer ein sich führet,
Wenn er nach Eau de Cologne riecht:
Den nehmet nicht!

Doch wer mit Putz die Zeit nicht füllt,
Und geht im simplen Rocke;
Der nicht ein alt` Familienbild,
Und auch nicht eine Dogge,
Stet’s hält die Mittelbahn:
Den nehmt zum Mann!

Der mit dem Eintritt ins Parkett
Gleich in den Logen suchet,
Das Köpfchen streichelt wundernett:
„Wie leer ist’s hier!“ dann fluchet;
Der mit Lorgnetten ficht:
Den nehmet nicht!

Doch wer nur singen hören will,
Nicht kommt der Säng’rin wegen:
Kaum wissend, ob ihr Kleid aus Tüll,
Dem nur an Kunst gelegen,
Der niemals den Applaus begann:
Den nehmt zum Mann!

Der, wenn er wirbt um eure Hand,
Ganz höflich für euch lebet,
Der oft selbst euren Unverstand
Zum Himmel hoch erhebet:
Der Saus und Braus verspricht:
Den nehmet nicht!

Doch der nicht prahlt, wenn er sich freut,
Nicht gold’ne Berg’ euch pinselt,
Der nicht, wenn ihr voll Laune seid,
Geduldig mit euch winselt,
Mit ernsten Worten straft dann und wann:
Den nehmt zum Mann!

Nun, Mädchen, könnt ihr wohl einmal
Nach diesem Lied euch richten?
Dass alle Männer hier im Saal,
Wird’s schwer heut’ zu verpflichten;
Den, der nicht klatscht, weil’s ihn sticht:
Den nehmet nicht!

Doch jeder Mann, der nach dem Lied
Darf kühn um Mädchen freien,
Wird, ungetroffen im Gemüt,
Mir seinen Beifall weihen.
Wer jetzt brav klatschen kann:
Den nehmt zum Mann!

M. G. Saphir