ein Toast dem Silberpaar


Fünfundzwanzig Jahre sind es her,
die Zeit war gut, manchmal auch schwer,
doch wie man ist zurechtgekommen,
wird jetzt in Augenschein genommen.

Wir sind nun hier vereint, um diesen Tag festlich zu begehen. Einige unter uns werden sich die Frage stellen: Wie war diese Ehe? War das Paar glücklich? Wie war der bisherige Lebensverlauf? Jeder hat ja nicht den Einblick in dieses Familienleben. Jeder hatte nicht das Glück, so wie ich, ein wenig daran teilhaben zu dürfen.
Wie dem auch sei. Wir kennen es schon aus Kindeszeiten, Leistungen werden zensiert! Da ich derjenige unter uns allen bin, dem wohl die meiste Gelegenheit geboten war, die Leistungen und Fortschritte des Silberpaares zu beobachten und zu verfolgen, habe ich mir die Arbeit der Benotung gemacht.
So bin ich denn in der Lage, der geehrten Tafelrunde, der selbstverständlich das Recht des Einspruches zusteht, dem Silberpaar für ihre Führung und Tätigkeit das Prädikat „im ganzen befriedigend“ erteile.
Was nun die einzelnen Bewertungen anbelangt, darf ich die Benotung folgender Eindrücke verkünden:

Betragen:
Dafür gibt es ein Tadellos.

Aufmerksamkeit:
Sie ließ, besonders gegen ihre Gäste, nichts zu wünschen übrig.

Erdkunde:
Ihre Familie und ihre Häuslichkeit bilden ihre ganze Welt.

Geschichte:
Es fehlt Ihnen an jeder Begabung für „jene Geschichten,“ die sich oft in den besten Familien zu ereignen pflegen.

Zeichnen:
Sie zeichneten sich stets von der besten Seite ab.

Rechnen:
Sie sind es gewohnt mit allen Faktoren zu rechnen, ohne dass sie deshalb „berechnend“ genannt werden können.

Lesen:
Sehr gut. Sie lesen sich sogar ihre Gedanken und Wünsche von den Augen ab. Im Lesen von Texten ist die Frau ihren Gatten naturgemäß überlegen.

Schreiben:
Gut. Sie schreiben die Handlungen des anderen und diejenigen ihrer Mitmenschen stets besten Beweggründen zu.

Französisch und Englisch:
Jetzt wird die Sache doch noch pikant.
Der Silberbräutigam besitzt eine nicht zu unterschätzende Anlage zur Vertilgung französischer Weine, namentlich des Champagners, und ein nicht minder großes Talent zur Vertilgung englischer Beefsteaks, Roastbeefs und Plumpuddings. Seine Leistungen auf diesen Gebieten würden geradezu verblüffend sein, wenn ihm dazu sowohl Mittel wie Gelegenheit in größerem Maße zur Verfügung ständen, als dies der Fall ist.
Andererseits wirkt seine Gattin in energischer Weise und mit Erfolg für die Einführung und Behauptung der französischen und englischen Mode, wofür sie so manches finanzielle Opfer gebracht haben soll. Aber auch diese ihre sichtbare Vorliebe für das Französische und Englische beschränkt sich nicht auf diese Tätigkeit; sie zeigt sich auch in der, wenn auch nur indirekten Verteilung an der Verbreitung französischer Romane und Ehebruchsdramen in Deutschland, sowie im eifrigen Studium der interessantesten Ehescheidungsfälle in der englischen Gesellschaft.

Religion:
Sie beten sich gegenseitig an.

Sport:
Die Note Ausgezeichnet gibt es für die Kinder. Ein Beweis dessen, das ausreichende Bewegung durchaus positive Effekte haben kann.

Ich glaube mit dieser, auf meiner Beobachtung beruhenden Beurteilung nach bestem Ermessen gehandelt zu haben und ersuche, falls jemand dagegen Widerspruch erheben möchte, dieses unverzüglich zu tun.

(nach einer kleinen, erwartungsvollen Pause)

So schließe ich denn hiermit die Kritik, indem ich zugleich die Hoffnung daran knüpfe, dass es uns nach fünfundzwanzig weiteren Jahren, am Tage der goldenen Hochzeit unseres Jubelpaares vergönnt sein möge, ein mindestens gleich günstiges Urteil fällen zu können.
Jetzt möchte ich Sie auffordern, Ihr Glas zu ergreifen und mit mir ein Hoch auf das Jubelpaar auszubringen.

Das Silberpaar, es lebe Hoch! Hoch! Hoch!


Hier folgt ein weiterer Trinkspruch