Geschichten und Vorträge zur Hochzeit


Es lebte einst ein Ehepaar,
Das schon gar manches liebe Jahr
In derbem Zank und herbem Streiten
Geschmeckt des Lebens Süßigkeiten.
Ihr war verhasst, was ihm gefiel:
Was wenig ihm, war ihr zu viel;
Was ihm ein Schmerz, war ihr ein Spaß;
Sie nannte trocken, was er nass,
Und was sie mager, hieß er fett;
Saß er am Tisch, ging sie zu Bett;
Wollt er nach rechts, zog sie nach links,
Und also täglich, stündlich ging’s.
Doch wie es Winters kann geschehen,
Dass plötzlich milde Lüfte wehen,
Dass durch die graue Nebelschicht
Des Himmels freundlich Angesicht,
Und sei’s auch nur für kurze Frist,
Der Erde zugewendet ist,
So ward mitunter auch beschieden
Den beiden Zänkern lichter Frieden
Und kurze Rast, wo arbeitsmatt
Die Zunge Ruhe nötig hat.
Als nun einmal die zwei Genossen
Solch müden Waffenstillstand schlossen,
Da kam man schließlich überein,
Es möchte wohl das Beste sein,
Des stillen Abends kleinen Rest
Zu feiern als ein Friedensfest.
Sie wollten, um recht auszuschnaufen,
Zusammen ins Theater laufen,
Wo Schweigen sich von selbst geböte.
Man gab des Mozarts Zauberflöte.
Sie saßen nun in Fried und Ruh
Und hörten dem Geigen und Pfeifen zu,
Und sah’n die Affen und den Mohr,
Garastro mit dem Priesterchor,
Die schwarze Königin der Nacht,
Die Löwen und die Feuerwacht,
Den Vogelfänger und die Schlang,
Und all die Pracht mit Kling und Klang.
Doch was den Zwei’n zumeist gefiel,
Das war Taminos Flötenspiel.
Der Vorhang fällt. Das Stück ist aus,
Und beide gehen dann nach Haus.
Der Mann jedoch im Stillen denkt:
„Die Flöte nähm ich auch geschenkt;
Fing dann die Frau mir an zu rasen,
Wie wollt ich sie zur Ruhe blasen!“
Die Frau in ihrem Herzen spricht:
Nach meiner Pfeife müsste dann
Mir tanzen der geliebte Mann!“
Und als sie nun mit solchen frommen
Gedanken an ihr Ziel gekommen,
Erhob sich plötzlich dicht dabei
Ein jämmerliches Kampfgeschrei:
Gebell, Gepuste, Knurren, Reißen,
Getob und Pfeifen, Kratzen, Beißen;
Es war ein Hund, der sich voll Wut
Mit einer Katze balgt aufs Blut.
Kein Wunder, wenn ein solches Spiel
Den beiden Leuten sehr gefiel;
Sie schauten auch in aller Ruh
Dem allerliebsten Schauspiel zu,
Und merkten nicht, wie zu der Stelle
Herschreitet fröhlich ein Geselle;
Wahrhaftig, einer der drei Knaben,
Die kurz vorher gesungen haben.
Die Flöte mit dem goldnen Band,
Er trägt sie wirklich in der Hand.
Doch kaum hat nun der junge Fant
Des Lärmens Ursach hier erkannt,
Bringt er die Flöte flugs zum Mund.
Beim ersten Ton schon wird der Hund
Geschmeidig und besänftigt ganz,
Er wedelt freundlich mit dem Schwanz,
Er leckt der Feindin gar die Tatze,
Und still behaglich schnurrt die Katze,
Lässt allen Zorn und alle Tücken,
Reibt schmeichelnd sich am Hund den Rücken.
Zuletzt bei sanftem Flöteton
Ziehn beide fromm vereint davon.
Nun aber reicht dem Menschenpaar
Der Knabe seine Flöte dar,
Und spricht: „Was diese Flöte kann,
Ihr seht es eben selbst mit an,
Die Streitenden versöhnt sie schnell,
Den Zorn vertreibt sie auf der Stell,
Den Ärger macht sie mild und still,
Verschließt den Mund, der zanken will.
Da nun der Prinz sie nicht mehr braucht,
So meint er, dass für euch sie taugt;
Als ein Geschenk er sie euch spendet,
Dass ihr zu Nutz sie euch verwendet.
Hier, nehmt das seltne Wunderding!“
Der Knabe sprach’s, und grüßt und ging.
Ihr glaubt nun, dass fortan von heute
Wie Lämmlein lebten unsre Leute.
Ach, Gott bewahr! Nichts half es sie;
Zum Flötenblasen kam es nie.
War anfangs auch die Freude groß,
Geht doch der Tanz von neuem los.
Es sagt der Mann: „Nun das ist klar,
Weshalb der Prinz freigiebig war.
Er wird kein solcher Esel sein,
Dass er zum zweiten mal hinein
In Flamm und Fluten wagt den Leib.
Und gar warum? – Pah! Für ein Weib!
Worauf sie rasch erwidert nun:
„Und wenn er’s täte, mag er’s tun!
Sie lässt allein ihn sicher laufen,
Zum Brennen sei’s, sei’s zum Ersaufen.“
Nun bricht er los, der grimme Kampf,
Im Redesturm ein Schlachtgestampf,
Vom Pfeil des Spottes ein wechselnd Blitzen!
Und Keulenschlag von derben Witzen.
Da fallen Worte hageldicht,
Die Zunge haut, pariert und sticht;
Doch plötzlich hält er ein und schreit:
„Jetzt ist zum Flötenspiel die Zeit!“ -
„Wie?“ ruft sie, „ha! Was fällt dir ein?
Wenn einer bläst, muss ich es sein!“
Sie reißt in Wut aus seiner Hand
Die Flöte, wirft sie an die Wand;
Doch wie der Blitz im Ungewitter
Fährt er herbei, und hat in Splitter
Zertreten rasch das Instrument,
Und alles Blasen hat ein End.

Seht! Löwen, Bestien, Ungeheuer
Und Wellenbrandung, gierig Feuer,
Das alles war zur Ruh gebracht,
Verträglich, sanft und zahm gemacht;
Doch Weiberzorn und Gattengrimm
War für die Flöte viel zu schlimm.

Heinrich Hoffmann