Gedicht bei Überreichung von Blumen


Bei Überreichung von Blumen zur Hochzeit


Wenn Luna ihren milden Schein
Auf Berg‘ und Täler gießt,
Im Wald verstummt die Vögelein,
Rings süße Dämm’rung fließt -
Dann öffnet Amor uns gewandt
Der Liebe gold’nes Zauberland. -

Es schwärmt die Maid beim Mondenstrahl
Von ihren Herzens Ideal;
Beim Jüngling mag das ähnlich sein,
Auch ihn zieht’s zu dem Mägdelein. -

Ob eine gut ist oder bös,
Ob intrigant, ob generös,
Ob geistvoll nun ihr Auge blitzt,
Ob stille sie im Winkel sitzt,
Ob ihre Witze Funken sprühen,
Ob stets gedankenleer ihr Mühen,
Ob eine dumm wie Bohnenstroh,
Ob klug wie – überhaupt und so -
Ob Schwarm ihr ganzes Leben ist,
Ob sie ein bisschen Pessimist -
Einst kommt für sie die schöne Stunde,
Wo ihrem Ohr klingt jene Kunde,
Die, uralt, predigt immerfort
Das – ach! – so gern gehörte Wort:
„Nur halb freut sich die Maid allein,
Es muss ein Männchen bei ihr sein!“ -

Und hat die Sehnsucht erst ihr Herz,
Dann geht’s mit Flügeln sternenwärts.
Der Mann, auch oft genannt das „Haupt“,
Ist schneller da, als wie sie glaubt,
Insonderheit, wenn die Natur
Ihr gab die reizendste Figur.
Bald trägt die Myrte sie im Haar
Und haucht das „Ja“ am Traualtar. - -

(zum Brautpaar)

Ihr beide da im Hochzeitskleid
Seid ja nun endlich auch soweit.
Mit welcher Wonne und wie oft
Habt ihr auf diesen Tag gehofft!
Nun ist er heute da, und schau:
Du, liebe ……….., bist jetzt „Frau“,
Und dir, Herr …………., sieht jeder an
Den neugeback’nen Ehemann.
Ihr habt in trauter Heimlichkeit
Bisher manch liebes Wort gesprochen,
Zum Kosen findet ihr noch Zeit
In künft’gen sel’gen Flitterwochen;
Dann aber ist die Tändelei -
Das sag‘ ich gleich – für euch vorbei!
In Zukunft heißt’s mit ernsten Mienen
Der strengen Tagespflicht zu dienen.
Entsagen müsst ihr dem Genuss
Und manchem lieben Brauch;
Erlaubt ist abends nur ein Kuss
Und höchstens morgens auch.
Die Frau soll zärtlich, lieb und fein,
Doch niemals wetterwendisch sein;
Tut’s not mal bei gewissen Dingen,
Darf sie auch den Pantoffel schwingen.
Der Mann muss nett sein und galant,
Er geh‘ dem Weibchen stets zur Hand
Und denk vor allen Dingen nie,
Er sei noch immer mehr als sie;
Denn merkt’s, ihr einst’gen Herr’n der Welt:
Heut‘ sind die Frau’n euch gleichgestellt!
Der Mann soll, ohne sich zu quälen,
Auch Sonntags hübsch Kartoffeln schälen,
Und dann – ich sag’s mit Warnermienen:
Beräuch‘re nie er die Gardinen! -
Wenn so ihr lebt in künft’gen Tagen,
Dann wird euch keine Sorge plagen,
Und eure traute Häuslichkeit
Krönt heitere Zufriedenheit. -
Als mein Geschenk, bescheiden zwar,
Bring ich euch diese Blumen dar.
So mögen auch in späteren Lenzen
Die Lebenspfade euch bekränzen!
Das Glück mög‘ euch den Weg bereiten
Und Himmelssegen euch begleiten!
(Sie überreicht die Blumen)

Max Ressel