Die versagte Mitgift


Unheilbar

Auf seiner Burg im Odenwald,
Da saß der Ritter Kunibald
Mit seiner Tochter Ilse.
So er sie sah, geschah ihm Leid -
Längst heiratsfähig war die Maid,
Indessen, keiner will se.

Dieweil man damals schon wie heut
Nach Mitgift meistenteils gefreit,
Und Ilse kriegte keene.
Ihr Vater war ringsum im Land
Der alte Borggraf nur genannt,
Und solches ist nicht scheene.

Denn, kam des Wegs auch mal ein Fant,
Der spekuliert auf ihre Hand
Und schwor, sie sei sein alles -
So tog er schleunigst wieder los,
Sobald ihm Kunde ward, wie groß
Des Kunibalden Dalles.

Und so verflossen Jahr um Jahr,
Stets dünner ward die Freierschar
Bis schließlich sie verschwunden
Und keiner mehr zum Odenwald,
Zur Burg des Borggraf Kunibald,
Den steilen Weg gefunden.

Noch immer saß im Odenwald
Auf seiner Burg Herr Kunibald,
Das Haupt voll Sorgenschwere:
„Was ist das mit der Tochter mein?
Sie schauet müd und klapprig drein
Und ängstigt mich gar sehre!“

Und so ein Arzt die Straße kam,
Der Ritter ins Gebet ihn nahm,
Doch keiner konnt was finden;
Bis endlich ein gelehrter Mann,
Der auf des Übels Ursach sann,
Ihm solches tät verkünden:

„Herr, Eure Jungfrau Tochter plagt
Ein Zahnweh, mit Vernunft gesagt,
Und leicht wär es zu heilen,
Wär es nur nicht der Zahn der Zeit,
Der also klapprig macht die Maid
Und müde alleweilen.

Drum, so Ihr gen den kranken Zahn
Kein Tönnlein Goldes wendet an,
Ihn gründlich zu plombieren -
So stellt kein Medikus sich ein,
Um Eures spätes Töchterlein
Vielleicht noch zu kurieren.“

Da seufzt gar schwer Herr Kunibald
Auf seiner Burg im Odenwald:
„So helfe Gott uns beiden!
Versoffen hab ich all mein Gold,
Und so muss meine Ilse hold
Denn ewig Zahnweh leiden.“

Und die Moral von der Geschicht:
Ihr Väter, sauft so sehre nicht
Bis alles ihr verkümmelt.
Dieweil sonst euer Töchterlein
Um euer Sündenschuld allein
Als alte Jungfrau schimmelt.


Fritz Brentano