Reime über das Glück


Die Vorstellung


Stumm, vom Mondlicht bleich umflossen,
Ruh‘n des Städtleins Häusermassen,
Sieh, da schwanken engumschlossen
Zweie durch die stillen Gassen.

Traun für einen Studio halten
Würde man den Jüng‘ren, Kleinen,
Und die gröss‘re der Gestalten
Ist ein Künstler, will mir scheinen.

Wo die letzten Häuser stehen
Und im weißen Mondenstrahle
Eines Brunnens Wasser gehen -
Halten sie mit einem Male ...

Und mit kühnem Mantelschwunge
Tritt der Alte in die Helle
Und er lallt mit schwerer Zunge:
„Junger Freund, wir sind zur Stelle!

Seht Ihr auf dem Postamente,
Dort das Wunder eines Weibes?
Diese Büste, diese Lende,
Diese Götterpracht des Leibes?

Bess’res hab ich nie geschaffen!
Bess’res schaff ich nimmer wieder!
Hättet Ihr nicht – solchen –Affen - - -
Auf die Knie zög’s Euch nieder

Und dies Weib mit Göttermiene
Lebt noch heute, ist vorhanden:
Meine Gattin Karoline
Hat hierzu Modell gestanden!

Eure künft’ge Schwieger, wisst es,
Schaut Ihr hier im Licht der Sterne!
Liebt Ihr uns’re Tochter – ist es
Zeit, dass sie Euch kennen lerne ...

Schatz, dies ist der Dr. Steude,
Der auf Lisbeth wagt zu hoffen,
Ein gelehrtes Haus, nur heute -
Leider – merklich – schwer besoffen ...

Nun, ihr werdet schon bekannter
Werden. Doch jetzt lasst in Ehren,
Lieber Sohn und Anverwandter,
Uns ein Glas vom Besten leeren ...“

Und von dannen schwanken beide,
Engumschlossen, nicht zu trennen - -
Also lernte Dr. Steude
Seine Schwiegermutter kennen.

Stets, wenn an der Brunnenfrauen
Spät’rer Zeit er kam vorüber,
Seufzt er: „So, in Stein gehauen,
Ist sie mir doch sehr viel lieber!“


Georg Bötticher