Besinnliche Geschichten


Der Bauer Gernklug war verdrießlich über den lieben Gott, dass er die Welt nicht besser eingerichtet habe. „Was ist es für Verkehrtheit,“ sagte er, „dass der hohe Eichbaum ein so winziges Früchtchen trägt, während der prächtige Kürbis auf der Erde liegen muss! Wenn ich die Welt geschaffen hätte, ich hätte das ganz anders eingerichtet. Wie schön hätten sich die gelben Kürbisse auf der hohen, grünen Eiche ausnehmen sollen!“ Während der kluge Mann so spricht, kommt er unter eine Eiche, und weil ihm der kühle Schatten gefällt, so legt er sich ins Gras und schläft ein. Unterdessen erhebt sich ein heftiger Wind und schüttelt die Zweige der Eiche und eine Eichel fällt – und fällt unserem Gernklug gerade auf die Nase. Die war zwar noch da, aber sie blutete und schmerzte gewaltig. Als nun Hans Gernklug das kleine Eichelchen ansah, das ihn so übel zugerichtet hatte, da fielen ihm die vermessenen Worte wieder ein, mit denen er den lieben Gott getadelt hatte. Nun sagte er:
„Ich Dummkopf,  der ich weiser sein wollte als der Schöpfer der Welt! Was wäre jetzt aus mir geworden, wenn Kürbisse auf den Eichbäumen hingen! Zerschmettert läge mein Leichnam hier und niemals wieder würde ich unter dem Schatten einer Eiche ruhen. Nein, nein, alter Gernklug, künftig schweige fein still und denke in deinem Herzen: Gott hat alles wohlgemacht!“
Die Eichel aber steckte er in die Tasche und hob sie zum Andenken auf.

Ludwig Gleim