Geschichten aus dem Mittelalter


Auf kühlem Felsen steht am rechten Gelände des oberen Donautales die stattliche Feste Wildenstein.
Viele Jahrhunderte zogen über ihre Zinnen hinweg, aber sie trotzte allen Stürmen einer wild bewegten Zeit. Von den Besitzern der Burg erhielt sich wegen seiner launigen Einfälle Ritter Hans von Zimmern lange im Gedächtnis des Volkes.
Hans von Zimmern lebte im Anfang des 15. Jahrhunderts und hatte von Kaiser Rupprecht von der Pfalz und dessen Sohne Ludwig die Feste Wildenstein als Mannslehen erhalten. Er war ein wunderlicher Herr, der sich gern tolle Späße erlaubte und über den man sich hinwieder lustig machte, wie es einmal von den Bauern von Wittershausen geschah.
Die Wittershausener hielten sie für kluge Leute und nicht mit Unrecht. Einmal erfuhren sie, dass Hans von Zimmern an ihrem Orte vorbeiziehen werde, und glaubten, sie dürften ihn zum besten haben. Ihrer viele gingen deshalb auf die Straße hinaus, auf der er herkommen musste, setzen sich in einem Kreise nieder und legt die Beine so ineinander, dass man nicht mehr unterscheiden konnte, wem die einen und wem die anderen gehörten. Als sie nun den Herrn von Zimmern kommen sahen, begannen sie miteinander zu zanken und zu hadern, schnitten jämmerliche Gesichter und riefen laut um Hilfe. Als der Freiherr sich näherte und dieses sonderbare Benehmen der Bauern gewahrte, fragte er, was sie den miteinander hätten. „Ach, gnädiger Herr,“ riefen sie, „wir haben unsere Füße miteinander verloren und keiner kann mehr die seinigen finden.“ Hans von Zimmern machte eine erstaunte Miene, als er diese Antwort vernahm, noch mehr verwunderte er sich aber, als die Bauern ihn allen Ernstes baten, er möchte jedem wieder zu seinen Füßen verhelfen, sie wollten ihm gern dafür jährlich einen Sack Korn schicken. Der Freiherr besann sich nicht lange, nahm einen wuchtigen Knüppel und schlug solange auf die Beine der Bauern los, bis jeder die seinen an sich zog. So war der sonderbare Streit auf ganz einfache Weise geschlichtet. Aber Hans von Zimmern, den es doch verdross, dass die Bauern sich mit ihm einen Spaß erlaubt hatten, gedachte diese nun auch daran zu bekommen und ihnen für alle Zeit dergleichen Tollheiten zu verleiden. Die Bauern hatten ihm versprochen, für seine Hilfe ihm jährlich einen Sack Korn zu liefern. Er packte sie nun beim Wort und ließ sogleich eine Urkunde darüber abfassen und sie bestätigen.
Als bereits ein halbes Jahr um war und man das Getreide eingeheimst hatte, erinnerte sich Hans von Zimmern wieder der Bauern. Er ließ einen ungemein großen Sack anfertigen, so dass er, wenn er voll war, kaum auf einen Wagen Platz hatte. Mit diesem schickte er seinen Vogt zu dem Bauern und verlangte, sie sollten ihn mit Korn füllen. Da gab es große Augen zu Wittershausen; es half jedoch alles nichts. In der Urkunde war nämlich nur die Rede von einem Sack Korn, nicht aber, wie groß er sei, während die Bauern nur einen halben Malter gemeint hatten. Sie konnten deshalb nichts dagegen erwidern und es schien ihnen das Beste, gute Miene zum bösen Spiele zu machen. Sie trösteten sich damit, es werde schon einmal eine Gelegenheit kommen, den Schaden wiedergutzumachen und den Freiherrn ebenso, wie er sie, zu übervorteilen. Lange sannen sie hin und her, wie das geschehen könne, bis sie endlich auf einen klugen Einfall kamen.
Die Wittershausener waren eben daran, ein neues öffentliches Gebäude aufzuführen. Da beschlossen sie, den Herrn von Zimmern anzugehen, er möchte Ihnen behilflich sein und sie unterstützen. Sie schickten daher ihrer mehrere zu ihm, welche die Bitte vorbringen sollten, in den Waldungen des Freiherrn einige große Bäume fällen zu dürfen. Das Ansuchen wurde gewährt. Nun zogen die Bauern an das äußerste Ende des Waldes und fällten dort einige der größten Stämme. Diese wollten sich nun ins Dorf führen. Da aber kein fahrbarer Weg vorhanden war, schickten sie wieder einige Boten zum Freiherrn mit der Bitte, er möchte ihnen gestatten, einen Weg anzulegen, auf dem sie die niedergehauenen Bäume nach Hause bringen könnten; auch möge er ihnen alle Stämme, die dabei gefällt werden müssten, schenken. Auch diese Bitte gewährte ihnen Hans von Zimmern, der an nichts Arges dachte. Nun eilten die schlauen Bauern mit Pferd und Wagen in den Wald, um die Bäume zu holen, luden aber die Stämme nicht der Länge, sondern der Breite nach auf und fällten links und rechts alles, so dass sie leicht mit ihrem Fuhrwerke vorwärtskommen konnten. Das geschlagene Holz führten sie bis auf den letzten Ast nach Hause, wie der Freiherr ihnen erlaubt hatte.
so hatten die Bauern einen Ersatz für das gelieferte Korn erhalten, bewirken aber dadurch nur, dass die unliebsame Korngült umso strenger eingehoben wurde. Später söhnten sie sich mit dem Freiherrn aus und überließen ihm den Kirchensatz zu Wittershausen, wofür er auf das leidige Korngült verzichtete.