Macht und Elend


Ein König, der keine Leibeserben hatte, verordnete in seinem Testamente, dass derjenige sein Nachfolger im Reiche sein sollte, welcher nach seinem erfolgten Hinscheiden am ersten zum Tore hereinkäme. Der Zufall traf's, dass dies ein schlichter Landmann war, der seines Gewerbes wegen die Stadt besuchte. Alsogleich umringte und ergriff ihn das Volk und führte ihn im Jubel zum Palast. Und der Mann wusste nicht, wie ihm geschah. Dort angekommen, wurde er in ein Prunkzimmer geführt und mit kostbaren Kleidern angetan und mit dem Schwert umgürtet und mit Zepter und Krone geschmückt. Das war ihm recht. Darauf geleitete man ihn unter Trompeten und Paukenschall in einen reich verzierten großen Saal und man setzte ihn auf den Thron - und alle die, welche ihn umstanden, huldigten ihm in Ehrfurcht als ihrem König und Herrn. Das war ihm noch lieber. Endlich brachte man ihn in den Speisesaal, wo die Tafel mit dem Kostbarsten gedeckt war, was man nur finden konnte an schmackhaften Speisen und Getränken aller Art. Das war ihm am allerliebsten. Und so hielt er denn Hof wie ein König und schlief zuletzt in einem schönen großen Gemache wie ein König. Des andern Tages aber bekam die Sache eine andere Gestalt. Er sollte nun auch amtieren wie ein König. Und es standen auch schon frühmorgens, ehe er noch aufgewacht, des Reiches Beamten im Vorzimmer und ließen sich melden: Es möge Seine Majestät geruhen, ihre An- und Vorträge allergnädigst zu vernehmen. Da deckte denn der eine viele Mängel in der Verwaltung des Staates auf und legte weitläufige Pläne vor zu Verbesserung derselben in den verschiedenen Zweigen. Der andere schilderte den schlechten Zustand der Finanzen und zeigte die Notwendigkeit, die Staatseinnahmen zu vermehren, ohne den Untertanen neue Lasten aufzuerlegen. Der dritte brachte Beschwerden und Bitten und Klagen und nichts als Klagen vor von Untertanen, die sich durch Lasten erdrückt, in ihren Rechten gekränkt, in ihrem Fortkommen gehindert hielten. Und so kam einer nach dem andern, mit dem und jenem, und jeder wollte von Seiner Majestät Entscheidung und Unterschrift haben. König Bauer tat sein Möglichstes, wie er denn von gutem Verstande und noch besserem Wissen war. Aber was er da alles hören und tun musste, war ihm einmal zu viel und er wünschte sich in sein enges Stüblein zurück, wo ihm niemand zur Last gefallen. Mittags schmeckte ihm das Essen nicht mehr recht, trotz allem Gesottenen und Gebratenen, zumal auch, da er vor und nach Tisch die Aufwartung vornehmer Herren und anderer Höflinge annehmen musste, deren Gesellschaft ihm zwar sehr glänzend deuchte, aber auch sehr langweilig. Und er sehnte sich abermals zurück an seinen ärmlichen Tisch, zum schwarzen Brote, das er mindestens in Ruhe und Frieden zu verzehren gewohnt war. Nachmittags sollte große Heerschau sein derer, die sogleich in den Krieg ziehen mussten gegen einen trotzigen und mächtigen Nachbarn. Und König Bauer, indem er die Reihen der Krieger durchritte, bedachte bei sich den Tod und Verlust so vieler junger, kräftiger Männer und das Elend, das über Tausende hereinzubrechen drohte - und dass er, der König, die Verantwortlichkeit auf sich lade für das Blut, das vergossen und für all den Jammer, der verbreitet werden sollte. Und des abends legte er sich mit kummervollem Herzen nieder und wälzte sich in peinlicher Unruhe auf dem Lager umher und er konnte nicht schlafen. O, wie wünschte er sich da zurück in sein stilles Kämmerlein, wo es ihm vergönnt war, obgleich auf hartem Lager, in erquickender Ruhe die Nächte zu verschlummern! Da war sein Entschluss gefasst. Des andern Morgens in aller Frühe ließ er sich seine Bauernkleidung vor sein Bett bringen, die er sogleich anzog - und als die Beamten sich melden ließen, trat er unter sie und sprach: „Sei König, wer da will; ich einmal will es nicht sein. Als Landmann habe ich bloß meine Lasten zu tragen. Als König sollte ich des ganzen Volkes Lasten tragen. Drum sei König, wer da will!“
Mit diesen Worten verließ er den Palast und ließ sich seit der Zeit nicht mehr in der Stadt sehen.

L. Aurbach