Kurzgeschichte mit Humor


Ekkehard, der Vorsteher der Klosterschule zu St. Gallen, der zu Anfang des zehnten Jahrhunderts lebte, war nicht nur ein sehr gelehrter, sondern auch ein wahrhaft frommer Mann. Er zeichnete sich vor vielen Mönchen seinerzeit durch edle Sittenreinheit aus und tat viele gute Werke. Besonders nahm er sich der Armen und Bedrängten in wohlwollender Fürsorge an. So hatte er von dem Kloster ein eigenes Haus erbauen lassen, das zur Aufnahme armer Pilger und Kranker diente, die hier vortreffliche Pflege und vielfach auch Heilung fanden. Nicht selten aber kam es vor, dass Betrüger seine Güte missbrauchten und sich krank stellten, nur um die gute Verpflegung zu genießen.
So erschien auch eines Tages ein solcher Betrüger aus Italien, der gab vor, lahm zu sein, kam auf zwei Krücken angehumpelt und tat ganz erbärmlich. Eine gräuliche Gicht, sagte er, sei ihm in die Knochen gefahren und er wüsste vor Schmerzen oft nicht ein noch aus. Ekkehard glaubte den trügerischen Worten des Kranken und übergab ihn einem Wärter zur Pflege, der sollte ihm sogleich ein warmes Bad bereiten.
Das Bad wurde hergerichtet, und mit Hilfe des Wärters stieg der Kranke hinein. Aber er fand es viel zu warm und rief in italienischer Sprache: „è caldo, è caldo!“ das heißt: „Es ist warm, es ist warm!“ Der Wärter jedoch verstand das Gegenteil und meinte, das Bad sei dem Kranken zu kalt. Er goss deshalb einen großen Kübel voll heißen Wassers hinzu. Jetzt aber schrie der vermeintliche Kranke noch viel lauter: „è caldo, è caldo!“ Wiederum dachte der Wärter, der Kranke klage noch über Kälte und abermals goss er einen Kübel heißen Wassers hinzu.
Das wurde aber dem Welschen der schon nach dem ersten Guss so rot wie ein gesottener Krebs aussah, doch zu viel, und mit einem Satze, wie es nur gesunden Beinen möglich ist, sprang er aus der Wanne, fasste nach seinen Kleidern und wollte entfliehen. Der Wärter aber, ängstlich, dass man Ekkehards Gutmütigkeit wieder einmal missbraucht hatte, ließ den Betrüger erst frei, nachdem er ihm eine gehörige Tracht Prügel mit auf den Weg gegeben hatte. Ob der Welsche wohl jetzt von seiner Gicht geheilt war?