Die Geschichte einer Wette


Zwei Tagediebe kamen in ein Wirtshaus, ließen sich reichlich auftragen und unterhielten sich darüber, wie ein Gastgeber eine Wette verloren habe. Der anwesende Wirt, der selbst gern wettete, wurde neugierig und fragte, wie sich die Wette abgespielt habe. Sie antworteten, dass sie mit jenem gewettet hätten, er könne nicht eine Viertelstunde vor der Stubenuhr stehen und nach dem Perpendikelschlage sagen: „Hier geht es hin, da geht es hin!“
„Das soll eine Kunst sein?“ lachte der Wirt, „da wette ich doch  gleich 15 Taler, dass ich es leicht vermag.“ Dann stellte sich zur Uhr und hub an: „Hier geht er hin, da geht er hin – hier geht er hin, da geht er hin!“ Die beiden Schelme ließen ihn reden. Plötzlich standen sie auf, nahmen das Geld vom Tisch und schlüpften mit den Worten: „Viel Vergnügen, Herr Wirt!“ zur Türe hinaus.
Der Wirt aber dachte: Oho, die meinen, ich sei so dumm, ihnen gleich auf die Leimspindel zu fliegen! – Er blieb ruhig stehen und sagte sein Sprüchlein weiter. Da kam seine Frau herein und fragte, inob die beiden Gäste ihre Zeche bezahlt hätten.
„Hier geht er hin, da geht er hin!“ entgegnete der Wirt. „Was schaust du die Uhr so starr an, was hast du denn?“ wunderte sich die Frau. Aber der Mann ließ sich nicht beirren. „Hier geht er hin, da geht er hin – hier geht er hin, da geht er hin!“ Erschrocken rief die Frau nach ihrer Tochter und schickte sie zum Arzt, denn der Vater sei nicht richtig beisammen im Oberstübchen. Und jammernd wandte sie sich zu ihrem Gatten. „Mann, was fehlt dir? Kennst du mich etwa nimmer?“
Er hatte keine andere Entgegnung als: „Hier geht er hin, da geht er hin!“ Nach einer Weile drehte er sich um und schmunzelte: „ich hab doch gewonnen.“ Aber die Frau nahm ihn am Arm und sagte: „Komm, Vater, leg‘ dich zu Bett, der Arzt wird gleich da sein.“
„Ei was, der Arzt!“ rief der Wirt, „ich brauche die beiden Gäste und meinen Gewinn.“ Als ihm nun die Frau erzählte, dass die beiden Schlingel eilfertig aus dem Dorfe und dem Walde zugelaufen seien, dämmerte es dem Hirne des Betrogenen und er begann zu wettern und zu toben.
Da kam der Arzt. Er redete dem zornigen freundlich zu, gab ihm in allem recht und brachte ihn halb mit Zuspruch, halb mit Gewalt ins Bett. Dann verordnete er Blutegel und kalte Umschläge und drohte schließlich, er werde ihn binden lassen, falls er sich nicht beruhigte und gutwillig gehorche.
Dann verbiss der Wirt seinen Grimm; denn er sah wohl ein, dass man ihn für verrückt hält. Schweigend blieb er liegen und nach ein paar Tagen durfte er wieder aufstehen und galt als gerettet. Das Wetten ließ er fortan bleiben.


Nach Fritz Reuter