kurze Erzählungen


In Frankreich lebte vor Jahren ein Abt, ein gar reicher und mächtiger, dazu gastfreundlicher Herr, der sah gern heitere Gesichter um sich; deshalb hielt er sich auch einen Narren, der ihm durch seine drolligen Einfälle manche fröhliche Stunde bereitete und niemand betrübte, mochte man ihn auch noch so viel necken und reizen.
Nun trug es sich einstmals zu, dass der Abt einen fremden Edelmann zu Gaste geladen hatte, der eine gewaltig große, feuerrote Nase hatte. Als man nun zu Tische ging, da setzte sich der Narr dem fremden Gast gegenüber, glotzte ihn unaufhörlich an und bewunderte die übe die Maßen große Nase. Endlich schüttelte er sich wie ein Pudel, fing laut an zu lachen und rief dem Gaste zu: „Ei, was habt Ihr für eine gewaltig große Nase!“ Der gute Mann schämte sich und wurde über und über rot im Gesicht. Der Abt aber ward zornig und sprach zu seinen Knechten: „Jagt doch sofort den Narren hinaus!“
Sogleich sprangen die Knechte auf, prügelten den Narren zum Saale hinaus und sprachen: „Narr, du musst des Kuckucks sein!“ Da dachte das arme Närrlein: „Ich habe gewiss einen groben Schnitzer gemacht und muss ihn auszuwetzen suchen. Solche vornehmen Herren darf man nicht die Wahrheit sagen.“ Als er nun meinte, der Vorfall wäre vergessen, ging er wieder in den Saal, tat als ob nichts vorgefallen wäre und setzte sich wieder dem vornehmen Gaste gegenüber. Dann sah er diesen gar freundlich an und sagte mit sanfter Stimme: „Mein lieber Herr, was habt Ihr für ein kleines Näschen!“ Da war der Gast noch mehr beschämt und der Abt noch mehr erzürnt - und der Abt befahl abermals, den Narren zum Saale hinauszutreiben.
Das gute Närrlein aber war sehr betrübt und dachte: „Ich habe weder mit der Wahrheit noch mit der Lüge Glück gehabt, nun so will ich‘s auf andere Weise versuchen.“ Also schlich er sich nach längerer Zeit wieder in den Saal, klopfte dem Gaste auf die Schulter und sagte ihm: „Es ist mir einerlei, was Ihr für eine Nase habt. Mich kümmert Eure Nase gar nicht.“ Da hatte er aber die Sache ganz verdorben. Diesmal aber wartete er nicht auf den Befehl, dass man ihn hinauswerfen sollte, sondern lief eilends davon und ließ sich nicht wieder sehen.