Gedicht über einen vermeindlichen Anschlag


Gewittert hat die Polizei
so etwas wie Verräterei:
„Früh morgens an dem Brunnenrand
Verlassen eine Büchse stand;
Mit einem Tuch war sie umwunden“,
So meldet jener, der’s gefunden.

„Von Attentaten spricht man immer,
Drum ist eine Büchse geheuer nimmer.“ -
Der Wachoberst das dacht‘ im Schrecken,
Und ließ das Ding in einen Winkel stecken.
Dann rief er: „Lauft zu Doktor Ente,
Dass er dahier experimente.
Eilt weiter, dem ersten Rat
Vermeldet diese Übeltat.“
Und eh‘ verflossen drei Sekunden,
Ein Polizeimann war verschwunden.

Der Polizeimann eilig lief
Zu Ente, der noch träumend schlief.
„Herr,“ rief er, „schnell soll ich Euch holen!“ -
„Wohin?“ – „Zur Wache! – Gott befohlen!“
Und weiter flog er hin zum Hirschen,
Wo tut der Rat auf Rheinwein birschen.
„Vernehmen,“ sprach er, „Euer Ehren,
Die Meldung von dem Obrist Behren:
Früh morgens an dem Brunnenrand
Verlassen eine Büchse stand;
Mit einem Tuch war sie umwunden,
So meldet jener, der’s gefunden.“

Kaum dass der Rat die Mär vernahm,
Ihn großes Fürchten überkam.
Von Attentaten spricht man immer,
Drum ist eine Büchse geheuer nimmer.
Jedoch sein Zittern zu verbergen,
Befahl er laut dem flinken Schergen:
„Hier, trinke, stärke deine Geister,
Und hole dann den Bürgermeister.
Vermelde, dass wir wartend steh‘n,
Zusammen auf die Wacht zu geh‘n.“

Verflossen war nicht eine Stunde,
Sprach alles schon mit bleichem Munde:
„Früh morgens an dem Brunnenrand
Verlassen eine Büchse stand;
Mit einem Tuch war sie umwunden,
So meldet jener, der’s gefunden.
Von Attentaten spricht man immer,
Drum ist eine Büchse geheuer nimmer. -

Indessen war schon Doktor Ente
Beschäftigt beim Experimente.
Nach großem Zögern, größerem Beben
Begann den Deckel er zu heben.
Einen Teig erblickt er, dick und schwarz,
Mit einem Fettglanz wie das Harz.
Doch wusste er als Mann vom Fache,
Dass hier die Farbe garnichts mache.

So sprach er: Liebe, Hochgeehrte,
Und dieses Rates Vielbewährte,
Sie sehen diese schwarze Pasta;
Ich kenn‘ sie nicht, und damit basta!
Doch um den Unfug zu erkennen,
Muss ich des Teiges Stoffe trennen.
Zuerst doch forsche unsere Nase.“
(Die Herren hörten’s in Ektase. -)

„Ich möchte gern die Probe wagen;
Jedoch in diesen Wintertagen
Ist meine Nase so erfroren,
Dass allen Richsinn sie verloren.
Zumal nun Eure Reverentia
als feine Nasen Eminentia,
So bitte ich, für mich zu riechen,
Was aus der Büchse Düfte kriechen.“

Es waren zwar die vielen Ehren
Besorgt, des Städtleins Wohl zu mehren,
Hier aber dachten in dem Falle
Und riefen unisona alle:
„Was sollen wir das Mordgift riechen,
Um etwa ewig hinzusiechen?!
Ihr seid gewohnt, Herr Doktor Ente,
An solche Riech-Experimente!“
Doch wenn ein Doktor ausruft „basta“ ,
So riecht er weder Öl noch Pasta.

Schon regten zornig sich die Geister,
Da nahm das Wort der Bürgermeister:
„Es fürchtet jeder diese Büchse,
Dass ihm daraus der Tod erwüchse.
Uns fehlt,“ hier wog er schwer die Phrase,
„Nur eine neugierkecke Nase.“
Und wie der weise Spruch geflossen,
Setzt er sich still zu den Genossen.

Kaum war das edle Wort verflogen,
So scholl es schon von Wand und Bogen:
„Da Ihr den großen Mangel kennt,
Gewiss nur Ihr das Heil uns nennt.“
Drauf jener: „Hier als kecke Nase
Gilt meiner Frauen alte Base.“
Doch weil sie nicht zuhanden,
Die Herren noch verwirrter standen.

Als durch die Stadt mit bleichem Munde
Getragen war die Schreckenskunde,
Ein kleiner Bub hat’s vernommen,
Der laufend nun zur Wacht gekommen:
„O helfet mir!“ rief er; „bestohlen
Ward heute ich, als ich ging holen -
Beim großen Brunnen legt‘ ich’s nieder.“
(Ein Frost fuhr allen durch die Glieder.)
Der Bürgermeister zog die Miene,
Dass er dem Kleinen grimmig schiene,
Und sprach der Rat: „Was du verloren,
Bekenne wahr bei deinen Ohren!“
„O Herr,“ bat jener, „wollt nicht schlagen,
Ich hab heut‘ genug getragen; -
Mit einem Tuche war’s umwunden.“ -
„So“, scholl’s im Chor, „hat man’s gefunden:
Und was enthielt denn jene Büchse?“
„Ach - - - meines Meisters Stiefelwichse!“