Die Geschichte einer Kriegslist


In das Kloster Marienrode, nicht weit von Hildesheim gelegen, kam eines Tages weinend die Frau des Küsters zu Söhre, einem Dorfe, das damals unter die Gerichtsbarkeit des Klosters gehörte, und klagte den geistlichen Vätern, dass eben fürstliche Soldaten auf Befehl des Amtsschreibers ihre einzige Kuh gepfändet und weggetrieben hätten. Die Mönche, die schon manchen Streit mit den Fürstlichen gehabt hatten, waren empört über diese neue Frechheit, wussten aber weder sich noch der Küsterin zu helfen. Auch von dem Schutze des Kurfürsten zu Hannover, unter den sie sich freiwillig gestellt hatten, war nicht allzu viel zu erwarten.
Da legte sich der Pater Küchenmeister, ein derber und schlauer Mann, ins Mittel und forderte zur Rache auf. Er überredete drei andere handfeste Mönche, sich als Bauern zu verkleiden und mit ihm den mit der Kuh über die Heide ziehenden fürstlichen Soldaten aufzulauern. Die Mönche erklärten sich bereit dazu, bewaffneten sich wie auch der Pater mir derben Knotenstöcken und erwarteten die Unholde in einem Hohlwege. Diese - es waren ihrer nur drei - kamen endlich ganz sorglos mit ihrer Kuh, die sie mit ihren Tornistern und Gewehren beladen hatten, heran. Da brachen die vier Mönche plötzlich aus ihrem Versteck hervor, fielen über die Soldaten her und schlugen dermaßen auf sie los, dass die Soldaten die Kuh nebst ihren Tornistern im Stich ließen und eiligst das Weite suchten.
Hoch erfreut über den gelungenen Streich, trieben die geistlichen Väter die Kuh zum Kloster und die Soldaten hatten das Nachsehen, merkten nun aber auch, dass ihre siegreichen Feinde nicht Bauern, sondern Mönche von Marienrode gewesen waren. Als dem Amtsschreiber, der die Pfändung der Kuh befohlen hatte, die Nachricht von dem Überfall überbracht wurde, war er außer sich vor Wut und bot sofort eine ganze Kompanie Soldaten auf, die das Kloster belagern sollten. Als diese gegen das Kloster anrückten, entfiel den Mönchen doch der Mut und sie meinten, jetzt bliebe ihnen nichts weiter übrig, als ihr Heil in der Flucht zu suchen und das Kloster den überlegenen Feinden preiszugeben. Dem widersetzte sich aber der tapfere Pater Küchenmeister aufs Heftigste, jedoch vergebens. Alles nahm Reißaus und nur der Pater blieb allein zurück.
Wie er nun so hin und her sann, wie wohl das Kloster zu retten sei, kam ihm die gute Küsterfrau in den Weg, die noch im Kloster weilte. Er überlegte schnell mit ihr, was in dieser misslichen Lage wohl zu tun sei; und sie wusste guten Raten. Bald sah man sie, mit einem leeren Tragkorbe beladen, hastig über das Feld laufen.
„Halt!“, riefen die fürstlichen Soldaten, verfolgten das jämmerlich schreiende Weib, holten es ein und brachten es vor den Amtsschreiber ins Kriegsverhör.
Anfangs konnte die Frau vor Weinen nicht zu Worte kommen, als man sie fragte, mit welcher wichtigen Botschaft sie von dem Kloster ausgesandt sei. Erst nach fürchterlichen Drohungen gestand sie, dass sie in der Umgegend alle Eier aufkaufen solle, denn das ganze Kloster stecke voll von kurhannoverschen Rotröcken, und dies wütende Kriegsvolk verlange immer und immer wieder Eier.
Erschrocken und mit langen Gesichtern vernahmen der Amtsschreiber und seine Soldaten diese unwillkommene Kunde und schauten bedenklich nach dem Kloster, das solch gefährliche Gäste barg. Als aber sogar einer der Rotröcke auf der Klostermauer erschien und gewaltig auf das Kalbfell schlug, um seine Kameraden zu einem Ausfall zu sammeln, da war kein Halten mehr. Der Amtsschreiber hatte nichts Eiligeres zu tun, als zum Rückzug blasen zu lassen, und im Laufschritt rannten seine Soldaten von dannen.
Der Rotrock auf der Mauer lachte, rührte aber die Trommel noch immer weiter, bis auch der letzte Soldat ihm aus dem Gesicht verschwunden war. Dann erst stieg er wieder herab, zog den Chorrock, der einem Chorknaben gehörte, aus und war wieder - Pater Küchenmeister, der er vorher gewesen war.