Geschichte einer Wette


Ein junger Mann hatte eine sehr hübsche Frau geheiratet und wohnte auf dem Lande in einem Haus, das an der großen Heerstraße lag. Sie legten sich eines Abends frühzeitig nieder; es war in der schönen Jahreszeit, und sie vergaßen, die vordere Tür zu schließen, die auf die Straße hinausging. Der Gatte erinnerte sich und fragte seine Frau, ob sie die Tür geschlossen hätte.
„Nein," sagte sie, das war deine Sache, weil du dich zuletzt niedergelegt hast.“
„Mach sie zu, bitte,“ sagte der Gatte.
„Nein, ich will nicht“, antwortete die Frau, „mach‘s nur selber.“
Über diesen Streit erhitzten sie sich immer mehr, da sagte der Gatte: „Ruhig, wer jetzt zuerst redet, soll sie zumachen.“
„Schön,“ sagte die Frau, und darauf sprach sie kein Wort weiter.
Durch einen Zufall war ein junger Soldat hergeführt worden, der sich auf seinem Weg verirrt hatte; er sah ein alleinstehendes Haus, fand die Türe offen und trat hinein, um nach dem Weg zu fragen. Da er unten niemand fand, stieg er hinauf und ging in die Kammer der Ehegatten, die im Bette lagen.
„Sagt mir, liebe Freunde, bitte, den Weg nach dem und dem Ort!“ redete er sie an; aber niemand antwortete.
Er wiederholte seine Bitte noch ein paarmal, sah jedoch, dass sie, anstatt ihm zu antworteten, den Kopf unters Bett steckten, und da fing er an zu schwören und zu drohen. Er näherte sich endlich dem Bett, zog die Bettdecke und die Tücher weg, und da es noch hell genug war, sah er ein unbestimmtes Frauengesicht, das ihm nicht missfiel. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, er trat noch einen Schritt näher und küsste sie, ohne dass ihm jemand ein Wort sagte. So friedliche Präliminarien ließen ihn hoffen, dass er für das übrige keinen großen Widerstand finden möchte; er legte sich also aufs Bett zu ihr, küsste sie, umarmte sie und machte, mit einem Wort, alles, was er wollte, ohne dass sich der Gatte regte. Als sich der Galan sein Mütchen gekühlt hatte, stand er auf und ging fort, höchlich zufrieden, dass er einen angenehmeren Weg gefunden, als den er suchte.
Er war nicht so bald weg, als die Schöne zu ihrem Gatten sagte: „Ist's möglich, dass du so feig bist, vor deinen Augen eine solche Schändlichkeit zu dulden, ohne ein Wort dazu zu sagen?“
„Oh, Parbleu«, sagte darauf der Gatte,“ du wirst die Tür zumachen, denn du hast zuerst geredet!“