Streich um Streich


Im Mittelalter standen bekanntlich die Bauern und Edelleute nicht immer auf freundschaftlichem Fuße miteinander, und mancher arme Landmann seufzte unter den Lasten, die ihm von dem Edelmann auferlegt wurden, während dieser sich heimlich die Hände rieb und in unedler Gesinnung des Schadens seines bäuerlichen Nachbars lachte. Doch gab es auch gar leutselige und freundliche Herren unter den Edelleuten, die selbst munteren Säßen und Schwänken, die sich ab und zu die Bauern erlaubten, nicht abgeneigt waren. Einer dieser allerdings dünn gesäten Edelleute war ein gewisser Graf Johann von Zimmern, der im Schwarzwald wohnte und mit den Bauern im Dorfe Wittershausen sehr gemütlich verkehrte.
Einst machte der Schulze des Dorfes, dem der Schelm im Nacken saß, seinen Freunden den Vorschlag, sie wollten sich einmal einen Spaß mit ihrem Herrn Grafen erlauben. Alle waren damit einverstanden und gingen hinaus vors Dorf an die Straße, auf der Johann von Zimmern meistens heimkehrte. Hier legten sie sich in einem Kreis platt auf die Erde, dass alle ihre Füße sich ineinander verschränkten. Als nun der Graf in ihre Nähe kam, fingen sie an, heftig miteinander zu hadern und schrien um Hilfe. Der Graf fragte verwundert, was denn das Geschrei bedeuten sollte. „Wir haben unsere Beine verloren und keiner weiß, welches die seinigen sind“ riefen sie.
Da merkte der Graf, dass sie ihn necken wollten, nahm eine ernste Miene an und sagte: „Ich werde den Streit schlichten, aber bedinge mir als Lohn einen Sack voll Korn aus, den ihr mir schicken sollt.“
Die Bauern waren's zufrieden und versprachen sogar, eine schriftliche Urkunde darüber auszustellen, wenn sie erst ihre Beine wieder hätten. Nun ergriff der Graf seinen Stecken und schlug damit so übermäßig auf die Beine der Bauern los, dass jeder bald die seinigen an sich zog und in die Höhe sprang.
Unter herzlichem Danke verabschiedeten sich darauf die Bauern von ihrem Grafen und stellten ihm nachher die versprochene Urkunde. Der Graf aber ließ einen so großen Sack machen, dass er, wenn er gefüllt war, kaum auf einen Wagen geladen konnte, schickte nach Wittershausen und ließ sich das Korn ausbitten. Die Bauern waren nicht wenig erstaunt, als sie den großen Sack erblickten. Aber der Schulze machte ihnen klar, dass sie ja den Mund halten sollten, in der Urkunde stände nichts davon, wie viel Korn der Sack enthalten sollte.
Übrigens meinte er, würde sich gewiss die Gelegenheit einmal bieten, dass sie ihren Schaden wieder gutmachten könnten. Und so wurde denn der große Sack mit Korn gefüllt und dem Herrn Grafen zugestellt, der sehr vergnüglich über seinen gelungenen Streich lachte.
Einige Zeit nachher kam der Schulze zu dem Grafen und bat ihn im Auftrage der Wittershäuser Gemeinde, ihnen doch die Erlaubnis zu erteilen, in seinem Walde einen großen Baum fällen zu dürfen, den sie zum Bau eines Gemeindehauses notwendig haben müssten.
Der gutmütige Graf gab der Bitte der Bauern Gehör und diese gingen nun in den Wald und fällten einen der größten Bäume. Dann sandten sie abermals zum Grafen und baten ihn, doch zu erlauben, dass einige Bäume, die ihnen bei Fortschaffung des gefällten Baumes im Wege ständen, entfernt und von ihnen mitgenommen werden dürften.
Auch dieses sagte ihnen der Graf zu. Die schlauen Bauern legten nun, um ihren Kornschaden wieder gutzumachen, den gefällten Baum nicht der Länge, sondern der Breite nach auf einen Wagen, schlugen alles, was rechts und links davon stand und sie an der Abfuhr des Baumes hinderte, und nahmen alles Gefällte mit sich ins Dorf.